Ursachen und Anzeichen

Ursachen und Anzeichen
Foto: Julia von Spinn

3.1   Welche Ursachen und Auswirkungen hat Schulabsentismus?

Eine regelmäßige Abwesenheit von der Schule ist nicht nur eine Verletzung der Schulpflicht, sondern auch ein Hinweis auf Schwierigkeiten in der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen.
Die Hintergründe und Ursachen von Schulabsentismus sind nicht immer eindeutig und können mit persönlichen, schulischen, kulturellen und familiären Faktoren sowie der Peer-Group (Gleichaltrigen-Gruppe) zusammenhängen (siehe Literaturverzeichnis). Diese Einflussgrößen stehen in einem dynamischen Interaktionszusammenhang.
Wie bei den Begriffsdefinitionen angeführt, liegen die Ursachen der Schulangst vorwiegend im schulischen Bereich, während bei der Schulphobie meist familiäre Faktoren den Schulbesuch erschweren. Mischformen sind jedoch häufig und auch beim Phänomen des Schuleschwänzens zeigt sich, dass verschiedene Bedingungen über einen längeren Zeitraum zusammentreffen.

Oft zeichnen sich erste Anzeichen von Schulabsentismus bereits in der Grundschule ab. Diese sind besonders problematisch, denn sie können zu einer zunehmenden Schuldistanzierung führen. Der Verlauf ist häufig schleichend. So können verschiedene Formen von Schulaversion zu gelegentlichem Schwänzen einzelner Unterrichtsstunden führen. Schließlich kann es dann zum wiederholten Fehlen an ganzen Schultagen kommen und sich bis zum ständigen Fernbleiben von der Schule oder sogar bis zum Schulabbruch steigern.
Dies kann nachhaltige Konsequenzen für die Kinder und Jugendlichen mit sich bringen, da der positive Schulabschluss oft nicht mehr gelingt und somit der Übergang ins Berufsleben gefährdet ist.
Schule dient nicht nur der Wissensvermittlung, sondern ist auch ein wichtiger Ort der Sozialisation für die Kinder und Jugendlichen, womit Schulabsentismus zu Schwierigkeiten in der Entwicklung der sozialen Kompetenzen führen kann.
Zudem steigt die Gefahr, psychische Auffälligkeiten, wie Suchtproblematiken, Angststörungen und Depressionen zu entwickeln.
Häufig entsteht ein Teufelskreis, der sich mehr und mehr verfestigt, je länger die Schülerinnen und Schüler vom Unterricht fernbleiben. Umso bedeutender ist es, die ersten Anzeichen von Schulabsentismus zu erkennen und frühzeitig zu intervenieren.

3.2 Welche Anzeichen für die unterschiedlichen Formen des Schulabsentismus gibt es?

Die hier aufgelisteten Merkmale dienen dazu, den eigenen Blick zu schärfen und dadurch ein schnelleres Reagieren zu ermöglichen. Es handelt sich nicht um Kriterien anhand derer klinische Diagnosen gestellt werden können bzw. sollten. Für die Praxis ist es wichtig, dass früh genug erkannt wird, dass es Auffälligkeiten beim Schüler oder der Schülerin gibt, die das Handeln der Schule erfordern.

Schulphobie

Die Schülerin oder der Schüler

  • fehlt oft nach den Wochenenden und Ferien
  • schafft es nicht immer, das Elternhaus zu verlassen bzw. das Schulhaus zu betreten
  • hat häufig keine Probleme mit den schulischen Anforderungen
  • kann meistens den schulischen Alltag gut bewältigen, wenn die Trennung von der Bezugsperson gelungen ist
  • verlässt immer wieder den Unterricht oder die Schule aufgrund psychosomatischer Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Übelkeit, Schwindel etc.

Schulangst

Der Schüler oder die Schülerin

  • wirkt im Unterricht überangepasst oder abwesend
  • fehlt oft bei bestimmten Unterrichtsstunden/Tagen oder bei bestimmten schulischen Anforderungen wie Tests, Vorträgen etc.
  • weist eine Tendenz zu unsicherem und ängstlichen Verhalten auf
  • ist häufig durch die schulischen Anforderungen überfordert
  • hat wenig sozialen Anschluss in der Klasse oder ist Opfer von Mobbing
  • verlässt immer wieder den Unterricht oder die Schule aufgrund psychosomatischer Beschwerden, wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit, Schwindel etc.

Schulschwänzen

Die Schülerin oder der Schüler

  • zeigt öfters Schulunlust und fehlende Motivation
  • hat unentschuldigte Fehlstunden und -tage
  • kommt häufig zu spät zum Unterricht
  • weist oft mangelnde Leistungen, Schulversagen und Klassenwiederholungen auf
  • hat des Öfteren mehrere Schulwechsel hinter sich
  • sucht vermehrt Kontakt und Anerkennung von Jugendlichen, die in einer ähnlichen Situation sind
  • wirkt vielfach übermüdet oder schläft während des Unterrichts
  • verweigert die Mitarbeit in der Schule und zu Hause (Hausaufgaben, lernen …)
  • weist eine erhöhte Tendenz zu abweichenden Verhaltensmustern auf (aggressives Verhalten, Delinquenz, übermäßiger Alkoholkonsum…)

Zu den persönlichen Variablen zählen vor allem das Alter, das Geschlecht, die schulischen Leistungen sowie die schulische Biografie (Stamm et al. 2009).
Schulabsentismus tritt in allen Klassenstufen auf, die Untersuchungsergebnisse zum Zusammenhang zwischen Alter und schulabsentem Verhalten sind jedoch uneinheitlich. Ebenso gibt es Diskrepanzen in Hinblick auf das Geschlecht; insgesamt kann das Phänomen nicht eindeutig als jungen- oder mädchenspezifisch nachgewiesen werden.
Besonders beim Schulschwänzen gilt persönliches Schulversagen und damit einhergehende Schulunzufriedenheit als einer der bedeutendsten Risikofaktoren, der sowohl als Bedingungsfaktor als auch als Folge von Schulabsentismus zu sehen ist. So prägen negative Erfahrungen in Form von mangelhaften Leistungen oder Klassenwiederholung häufig die Schulbiografie von Schwänzern (Ricking 2006, Stamm et al. 2009).
Anhaltender Schulerfolg besitzt laut Ricking (2003) hingegen eine starke präventive Wirkung.

Das Phänomen Schulabsentismus kommt zwar in allen sozialen Schichten vor, dennoch bestätigen Forschungsergebnisse, dass Schüler und Schülerinnen aus Familien benachteiligter sozialer Milieus häufiger zu schulabsentem Verhalten tendieren (Wagner et al. 2004, Tyerman 1968, Galloway 1976, 1985, Reid 1984, May 1975).
Weitere familiäre Stressoren, welche sich negativ auf den Schulbesuch der Kinder auswirken können, sind Beziehungsprobleme der Eltern, Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt, Überbehütung, Delinquenz der Eltern, chronische Krankheiten, Drogenkonsum sowie mangelnde Erziehungskompetenz und Erziehungsprobleme (Lorenz 2007, Ricking 2003, 2006, Schreiber-Kittl & Schröpfer 2002, Stamm 2006).
Der aktuelle Forschungsstand weist darauf hin, dass besonders das Verhalten und die Einstellung der Eltern gegenüber der Institution Schule von Bedeutung sind (Stamm et al. 2009).

Auf schulischer Ebene haben die Qualität des pädagogischen Angebots, des Schul- und Klassenklimas und die Lehrer-Schüler-Beziehung einen bedeutenden Einfluss auf den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder und Jugendlichen. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass ein schlechtes soziales Klassenklima, Probleme mit Lehrpersonen sowie alltagsferne Unterrichtsinhalte mit Schulabsentismus in Verbindung gebracht werden können (Ricking 2006, Schreiber-Kittl & Schröpfer 2002, Thimm 2000).
Zur Verstärkung und Manifestation von schulabsentem Verhalten kann es kommen, wenn es vonseiten der Schule nicht wahrgenommen oder kontrolliert wird, entsprechende Hilfsangebote fehlen oder wenig Unterstützung beim Wiedereinstieg in die Schule erfolgt (Schreiber-Kittl & Schröpfer 2002).

Der Aufbau von regelmäßigen sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen ist eine bedeutsame Entwicklungsaufgabe im Jugendalter und trägt zur Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen bei.
Neueren Studien zufolge ist die Peer-Group auch als Einflussfaktor beim Schulabsentismus von wesentlicher Relevanz (Puhr et al. 2001, Wagner et al. 2004).
Besonders beim Schulschwänzen kann die Peer-Group zur Initiierung und Stabilisierung des Verhaltens beitragen (Schreiber-Kittl & Schröpfer 2002). Schülerinnen und Schüler mit hohen Fehlzeiten bilden häufig Cliquen und treffen sich regelmäßig, um gemeinsamen Interessen und Aktivitäten nachzugehen. Das Risiko für Schulabsentismus steigt folglich, wenn Kontakte zu Jugendlichen mit schulaversivem Verhalten bestehen (Ricking 2006).

Literaturverzeichnis

  • Galloway, D. (1976): Size of School, Socio-Economic Hardship, Suspension Rates and Persistent Unjustified Absence from School. British Journal of Educational Psychology 46, 40–47
  • Lorenz, A. (2007): Schulverweigerung. Familie, Partnerschaft, Recht, 13 (1-2), 33–36.
  • May, D. (1975): Truancy, School Absenteeism and Delinquency. Scottish Educational Studies 7, 97–107
  • Puhr, K., Knopf, H., Gallschütz, C., Häder, K. & Müller, A. (2001): Pädagogisch-psychologische Analysen zum Schulabsentismus. Halle: druck-zuck
  • Ricking, H. (2003): Schulabsentismus als Forschungsgegenstand. Oldenburg: BIS-Verlag
  • Ricking, H. (2006): Wenn Schüler dem Unterricht fernbleiben – Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt
  • Schreiber-Kittl, M. & Schröpfer, H. (2002): Abgeschrieben? Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über Schulverweigerer. München: Deutsches Jugendinstitut
  • Stamm, M. (2006): Schulabsentismus – Anmerkungen zu Theorie und Empirie einer vermeintlichen Randerscheinung schulischer Bildung. Zeitschrift für Pädagogik, 52, 285–302.
  • Stamm, M., Ruckdäschel, C., Templer, F. & Niederhauser, M. (2009): Schulabsentismus – Ein Phänomen, seine Bedingungen und Folgen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Thimm, K. (2000): Schulverweigerung. Zur Begründung eines neuen Verhältnisses von Sozialpädagogik und Schule. Votum: Münster
  • Tyerman, M.J. (1968): Truancy. London: ULP
  • Wagner, M., Dunkake, I. & Weiß, B. (2004): Schulverweigerung. Empirische Analysen zum abweichenden Verhalten von Schülern. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 3, 457–489