Begriffsdefinitionen

Begriffsdefinitionen

Schulverdrossenheit, Schulmüdigkeit, Schulschwänzen, Schulverweigerung, Schulangst oder Schulphobie …
Die Vielzahl der Begriffe zeigt, wie weitläufig und komplex das Phänomen Schulabsentismus ist. Verschiedene, oft multikausale Hintergründe, unterschiedliche Ausprägungen und fachspezifische Zugänge führen in der wissenschaftlichen Literatur, in der Praxis und in den Medien zur Verwendung zahlreicher Bezeichnungen.
Um mehr Klarheit und die Basis für gezielte Maßnahmen im Bereich der Prävention und Intervention zu schaffen, werden im Folgenden die international verwendeten Begriffe aus dem Rahmenkonzept zur Vorbeugung von Schulabbruch eingeführt.

2.1   Was ist Schulabsentismus?

Von Schulabsentismus spricht man, wenn eine Schülerin oder ein Schüler aus einem gesetzlich nicht vorgesehenen Grund der Schule fernbleibt, unabhängig davon, ob sie oder er dies mit Wissen oder Einverständnis der Eltern tut, und auch unabhängig davon, ob dieses Fernbleiben durch eine „Entschuldigung“ legitimiert wird. Ein solches Schule meidendes Verhalten kann sich vom Fehlen einzelner Stunden und Tage bis hin zu einer längeren Abwesenheit und der totalen Abkoppelung erstrecken.
Dabei kann zwischen den Formen Schulschwänzen, angstbedingte Schulverweigerung (Schulangst und Schulphobie) und Zurückhalten unterschieden werden.

2.2   Wann spricht man von Schulabbruch?

Die Europäische Union definiert als Schulabbrecher und Schulabbrecherinnen Personen zwischen 18 und 24 Jahren, die lediglich über einen Abschluss der Sekundarstufe I verfügen und keine weiterführende Schul- oder Berufsausbildung durchlaufen (Europäische Kommission 2011b).
Dieser Definition folgend wird Schul- bzw. Lehrabbruch also nicht mit dem Ausstieg aus einer Ausbildung gleichgesetzt. Ein Abbruch ist nur dann gegeben, wenn die Jugendlichen nachhaltig keine schulische Qualifikation der Sekundarstufe II erlangen. Nicht als Schulabbrecher und Schulabbrecherinnen gelten demnach junge Menschen, welche die Schule zwar vorzeitig verlassen haben, dann aber den Sekundarabschluss II vor ihrem 25. Geburtstag nachholen.

2.3   Wann sprechen wir von einem zeitweiligen Schulausstieg?

Jene Schülerinnen und Schüler, welche die Bildungspflicht noch nicht abgeschlossen haben und eine Abwesenheitsquote von 25 Prozent überschreiten definieren wir hier als zeitweilige Schulaussteiger oder Schulaussteigerinnen, um damit den möglichen Austritt aus dem regulären Schuljahr oder einer Ausbildung zu kennzeichnen.

Der Begriff Drop-Out beleuchtet die rechtliche Perspektive des Phänomens Schulabsentismus und wird hier als Verletzung der Schulpflicht bezeichnet, in Anlehnung an das Einvernehmensprotokoll zum Drop-Out, das von mehreren Institutionen Südtirols unterzeichnet wurde. Darunter fallen:

  • Minderjährige, die nicht in die Pflichtschule eingeschrieben wurden, obwohl sie der Schulpflicht unterliegen;
  • Schüler und Schülerinnen, die für längere Zeit den Unterricht nicht besuchen und/oder die Ferienzeit verlängern;
  • Schülerinnen und Schüler, die den Unterricht unregelmäßig besuchen.

Von Schulschwänzen spricht man, wenn Schülerinnen und Schüler aus eigener Initiative vom Unterricht fernbleiben oder die Schule nicht besuchen, um einer angenehmeren Beschäftigung im außerschulischen Bereich nachzugehen. Die Erziehungsverantwortlichen wissen in der Regel nicht, dass ihre Kinder die Schule versäumen und so fehlen zumeist angemessene Entschuldigungen.
Schulschwänzer und Schulschwänzerinnen weisen eine ablehnende Haltung gegenüber der Schule als Ganzes, dem Unterricht oder den Lehrpersonen auf und bringen dies auch durch Zuspätkommen oder mangelnde Mitarbeit zum Ausdruck.
Diese Form des Schulabsentismus nimmt mit steigendem Alter zu und hängt eng mit schulischen Versagenserlebnissen zusammen. Oft sind konfliktreiche Lehrer - Schüler – Mitschüler – Beziehungen, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit sowie mangelnder Halt von Seiten der Familie kennzeichnend.
Es besteht zudem eine erhöhte Tendenz zu abweichenden Verhaltensmustern wie aggressiver Konfliktbewältigung, Delinquenz oder Missbrauch legaler und illegaler Drogen.

Typische Merkmale angstbedingter Schulverweigerung können Traurigkeit, sozialer Rückzug und extreme emotionale Ausbrüche vor Schulbeginn sein. Auch psychosomatische Beschwerden, wie Kopf- und Bauchschmerzen oder Schlafstörungen, die während der Ferien oder am Wochenende völlig verschwinden können, kommen häufig vor. Im Gegensatz zu den Schulschwänzern und Schulschwänzerinnen bleiben die Kinder mit angstbedingter Schulverweigerung im häuslichen Umfeld. Prinzipiell kann zwischen zwei Formen unterschieden werden:

Die Schulphobie bezieht sich auf Ängste, deren Ursprünge nicht in der Schule liegen, sondern im familiären Bereich, meist Trennungsängste von der primären Bezugsperson. Die Trennungsangst kann oft durch die Trennung oder Scheidung der Eltern, Krankheit oder Tod eines Familienmitglieds hervorgerufen werden oder sich aus weniger offensichtlichen Gründen entwickeln.

Als Schulangst wird die Angst vor Situationen bezeichnet, die durch die Institution Schule hervorgerufen wird. Darunter fällt die Leistungsangst, welche oft mit einer großen Überforderung des Schülers oder der Schülerin, mit überzogenen Erwartungen der Lehrpersonen und Eltern oder unrealistischen Ambitionen des Kindes selbst zusammenhängt. Die Schulangst kann auch Ausdruck sozialer Ängste sein, welche zur Vermeidung sozialer Situationen, wie der Aufenthalt in der Klasse, am Schulhof oder in öffentliche Verkehrsmitteln, führen. Oft handelt es sich um Schwierigkeiten, in der Gleichaltrigen-Gruppe anzuknüpfen.Die Angst kann jedoch ebenso als Reaktion auf Gewalt und Mobbing durch Mitschülerinnen und Mitschüler in der Schule oder auf dem Schulweg sowie durch konfliktgeladene Beziehungen zu Lehrpersonen hervorgerufen werden.

Beim Zurückhalten handelt es sich um eine Verhaltensweise, bei der das Fernbleiben von der Schule auf Initiative oder das Einverständnis der Erziehungsverantwortlichen zurückgeht und somit bewusst die Schulpflicht verletzt wird. Als Gründe für das Zurückhalten gelten beispielsweise Gleichgültigkeit, Abneigung oder Desinteresse gegenüber der Institution Schule sowie kulturelle oder religiöse Differenzen.
Von Zurückhalten wird auch gesprochen, wenn die Eltern vorzeitig die Ferien beginnen oder die Ferienzeit verlängern. In einigen Fällen kann hinter diesem elterlich bedingten Schulabsentismus auch die Absicht stecken, Anzeichen von körperlichem oder seelischem Missbrauch der Kinder zu verbergen.

Der Begriff Unterrichtsabsentismus bezeichnet Schülerinnen und Schüler, die zwar in der Schule bleiben, sich aber den schulischen Arbeitsanforderungen und Lernprozessen entziehen. Dies kann sich beispielsweise in Form einer aktiven Verweigerung der Mitarbeit, häufigen Verspätungen, Handlungsblockaden, „Träumereien“ oder selektivem Mutismus äußern. Ebenso zählen die Kinder und Jugendlichen dazu, welche durch aggressives und destruktives Verhalten im Unterricht auf sich aufmerksam machen und damit zeigen, dass sie nicht gewillt oder in der Lage sind, den schulischen Anforderungen nachzukommen. Im Vordergrund bei einer derartigen Leistungsverweigerung steht das im schulischen Kontext unangemessene Verhalten, das Lehrpersonen an die Grenzen ihrer pädagogischen Kompetenzen und Kräfte bringen kann. Hinter den Verhaltensmustern stecken jedoch oft unterschiedliche Problemkonstellationen, die auf schulischer, familiärer und/oder persönlicher Seite liegen können. Dem Unterrichtsabsentismus durch Gespräche mit dem Schüler oder der Schülerin, Elterngespräche, Klassenratsitzungen etc. auf den Grund zu gehen und sich bei Bedarf Hilfe von Experten und Expertinnen zu holen, eröffnet die Möglichkeit, gemeinsam Lösungen zu finden und somit der wahrgenommenen Hilflosigkeit entgegenzuwirken. Je komplexer und „eingefahrener“ der Fall erscheint, desto wichtiger sind der Einbezug von externen Fachleuten sowie eine effiziente Netzwerkarbeit aller inner- und außerschulischen Helfer und Helferinnen.