Hauptinhalt

Projekttypologien

Im Bereich der Südtiroler Entwicklungszusammenarbeit lassen sich drei Typologien unterscheiden. Zur ersten Typologie zählen vom Land selbst konzipierten und realisierten Projekte. Es handelt sich dabei um so genannte direkte Projekte oder Programme, die vom Land Südtirol in Zusammenarbeit mit gleichrangigen Behörden und Institutionen in Partnerregionen der Entwicklungs- oder Schwellenländern ausgearbeitet und durchgeführt werden. Solche Projekte erstrecken sich meist über mehrere Jahre und werden durch Partnerschaftsabkommen mit den lokalen Behörden besiegelt. Auf diese Weise fügen sich die direkten Projekte in die lokalen Entwicklungsprogramme der Partnerregionen ein und zielen dabei auf eine umfassende, nachhaltige Entwicklung ab.

Neben diesen direkten Projekten und Programmen der dezentralen Entwicklungszusammenarbeit, führt das Land Südtirol auch direkte Projekte im Bereich Bewusstseinsbildung und globales Lernen in Südtirol durch.

Zur zweiten Typologie der Südtiroler Entwicklungszusammenarbeit zählen die Vorhaben, die von den zahlreichen Freiwilligenorganisationen und Initiativengruppen im Lande, aber auch von einzelnen Freiwilligen, die Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit haben, durchgeführt werden. Diese können für Entwicklungsprojekte und Projekte zum Schutz von Minderheiten, die sie mit Partnern in den Zielländern realisieren beim Land eine Teilfinanzierung beantragen.

Die dritte Typologie sind die so genannten Notstandsprojekte, auch humanitäre Hilfe genannt. Ihr Ziel ist es, in Absprache mit nationalen und internationalen Organisationen rasche und effiziente Hilfe in Katastrophen- oder Kriegsgebieten zu leisten. Diese Projekte werden meistens von nationalen oder internationalen Organisationen und Institutionen vorgeschlagen und durchgeführt. Das Land Südtirol stellt hierfür Geldmittel aus dem Reservefond des Landeshaushalts zur Verfügung.

Die dezentrale Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol: Direkte Projekte und Programme

Neben den Projekten, die durch Vereine, Organisationen und einzelne Freiwillige verwirklicht werden, ist das Land Südtirol auch direkt in der Umsetzung ihrer Entwicklungsprojekte und -Programme in verschiedenen Ländern und Regionen weltweit beteiligt. Diese Projekte und Programme werden in Zusammenarbeit zwischen dem Land Südtirol und gleichrangigen Behörden oder Institutionen des Empfängerlandes durchgeführt und betreffen vor allem jene Bereiche, in denen das Land Südtirol besondere Fachkompetenzen vorweisen kann (Katastrophenschutz, Berufsausbildung, nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, Fairer Handel, Umwelt, erneuerbare Energien, Gesundheit). Die Programme sind in der Regel finanziell anspruchsvoller als die Projekte, die von einzelnen Vereinen und Organisationen vorgeschlagen und umgesetzt werden. Sie erstrecken sich normalerweise über mehrere Jahre, beinhalten verschiedene Initiativen und werden in enger Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen und Institutionen realisiert, um die allgemeine Entwicklung einer Region im Einklang mit den örtlichen Entwicklungsprogrammen zu fördern.

Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich die so genannte dezentralisierte bzw. regionale Entwicklungszusammenarbeit durchgesetzt und entwickelt. So hat auch die Arbeit des Landes Südtirol in Verbindung mit zivilen Initiativen auf unserem Landesgebiet und in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern in Entwicklungs- oder Schwellenländern eine aktive Teilnahme der Gesellschaft in den Partnerländern für eine nachhaltige Entwicklung gefördert. Die beteiligten Akteure, deren Initiativen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit vom Land mit koordiniert wurden, sind die folgenden: Vereine und soziale, wirtschaftliche und religiöse Institutionen, Forschungseinrichtungen, Universitäten, Landesämter, der Sanitätsdienst, Migrantenorganisationen, einzelne Experten oder Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Diese Zusammenarbeit wird basierend auf eine Art Partnerschaftsabkommen mit einer entsprechenden Behörde (Region, Provinz oder Gemeinde) eines Entwicklungs- oder Schwellenlandes durchgeführt. Die beiden Lokalbehörden erarbeiten folglich gemeinsam ein lokales Entwicklungsprojekt oder –programm. Durch diese Form der Zusammenarbeit wird die Bevölkerung des  "Nordens" und "Südens" in die Planung, Gestaltung und Durchführung von Projekten für eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung, im Einklang mit dem Grundsatz der Subsidiarität, einbezogen.

Für die Finanzierung von Projekten und Programmen der dezentralen Entwicklungszusammenarbeit bringt das Land Südtirol eigene Geldmittel ein (ca. 25% der jährlichen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit) und setzt eigenes Verwaltungs- und technisches Personal ein.

Darüber hinaus greift das Land für diese Projekte und Programme auf Beiträge, die von der Region Trantino-Südtirol zur Verfügung gestellt werden zurück, sowie auf Förderungen von internationalen Entwicklungsorganisationen, auf Fonds der Europäischen Union und auf Geldmittel des Außenministeriums.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich insbesondere Partnerschaften mit Regionen und Gebieten in Bolivien, Indien (Tibetische Exilregierung), Nepal, Burkina Faso, Uganda, Tansania gefestigt. Weitere direkte Projekte des Landes wurden in Peru, Argentinien, Vietnam, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Libanon, Äthiopien, Kap Verde realisiert.

Ein Beispiel von dezentraler Entwicklungszusammenarbeit ist das dreijährige grenzüberschreitende Programm der Euregio in Uganda und Tansania. Dabei arbeiten die drei Landesregierungen von Bozen, Innsbruck und Trient, die lokalen Behörden und die Bevölkerung der grenzüberschreitenden Region zwischen Uganda und Tansania an einem gemeinsamen Projekt, das die Entwicklung der Landwirtschaft und den Umweltschutz unterstützt.


Die Projekte der Organisationen

Jedes Jahr werden von etwa 65 Vereinen und ehrenamtlichen Organisationen, Initiativgruppen, Nichtregierungsorganisationen - NRO oder einzelnen Personen Projekte der Entwicklungszusammenarbeit beim zuständigen Landesamt eingereicht. Einige Beispiele: die Organisation für Eine solidarische Welt – OEW, die Weltläden, "Eine-Welt-Gruppen", Missionsgruppen, das Missionsamt der Diözese, die Caritas und einige einzelne Freiwillige, die mit Nichtregierungsorganisationen wie COOPI, Oxfam International, Ricerca e Cooperazione GVC zusammen arbeiten (Liste aller Organisationen).
Die Projekte sind in der Regel eher klein, können ein oder mehrere Jahre dauern, und zielen auf eine Verbesserung in den Bereichen Bildung, Wasserversorgung, fairer Handel, Gesundheit, Unterstützung der Produktionen, Umweltschutz, erneuerbare Energien usw., ab. Die Finanzmittel für diese Projekte betragen 60% der von der Provinz zugewiesenen Mittel. Jährlich werden ca. 50 Projekte der Entwicklungszusammenarbeit genehmigt, mit einem Budget von rund 1,2 Millionen Euro.

Die Projekte im Bereich Bewusstseinsbildung und globales Lernen werden jährlich von über 20 Vereinen und ehrenamtlichen Organisationen, Initiativgruppen und einzelnen Personen der Provinz Bozen eingereicht. Als Beispiele können die Organisation für eine solidarische Welt - OEW, die Weltläden, die Missionarsgruppe Freunde von Burkina Faso, die Bibliothek Kulturen der Welt, der Verein für bedrohte Völker und anderen genannt werden (Liste aller Organisationen).

Die Projekte und Programme werden innerhalb 31. Oktober des vorherigen Jahres eingereicht und beziehen sich insbesondere auf die Schwerpunktthemen, die jährlich vom Koordinierungstisch (Land und Organisationen) vereinbart werden. Die Mittel für diese Projekte betragen 15% der dem Amt für Kabinettsangelegenheiten für den Bereich Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stehenden Mittel. Jedes Jahr werden etwa 15 Projekte und Programme zur Bewusstseinsbildung genehmigt mit insgesamt rund 280.000 Euro vom Land mitfinanziert.


Notstandsmaßnahmen

Bei Naturkatastrophen, Krisensituationen, Hungersnöten und in instabilen Post-Konflikt-Gebieten, schreitet das Land Südtirol mit schneller Hilfe ein.

 Zu den Ländern in denen Südtirol humanitäre Hilfe geleistet hat, gehören Bosnien und Herzegowina, Kosovo, die Tsunami-Gebiete in Indonesien, Indien und Sri Lanka, Palästina, das Horn von Afrika und andere betroffene Gebiete in Afrika. Ziel ist es, den Katastrophenopfern schnell Hilfe zu leisten, dadurch Leben zu retten und zu schützen, die Not zu lindern und die Betroffenen soweit zu unterstützen, dass sie ihre Integrität und Würde bewahren können. Konkrete Beispiele für humanitäre Hilfe sind die Bereitstellung von Zelten, Decken und anderen lebensnotwendigen Gütern wie Medikamente, Nahrungsmittel und medizinische Geräte.

Die Mittel für diese Einsätze werden auf Antrag des Landesshauptmannes vom Reservefond des Landeshaushaltes bereitgestellt. Im Vorfeld wird das Außenministerium über die geplanten Notstandsprojekte informiert. Die geförderten Projekte werden im Allgemeinen von UN-Organisationen wie z.B. dem UNO-Welternährungsprogramm oder dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) oder dem Roten Kreuz durchgeführt. Dabei wird in den Krisenregionen mit Nichtregierungsorganisationen und Partnern vor Ort, die über die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten und über eine Einsatzerlaubnis verfügen, eng zusammengearbeitet.

Im Unterschied zu den Entwicklungsprojekten gelten für die Notstandsprojekte keine geographischen Einschränkungen. Die Projektvorschläge müssen entsprechend einer Vorlage des zuständigen Amtes möglichst schnell nach einer Katastrophe oder einem Notfall eingereicht werden.

 


Das Koordinierungssystem

Die Koordination auf Landesebene.

Im Bereich der dezentralisierten Entwicklungszusammenarbeit nutzt und schafft das zuständige Landesamt verschiedene Gelegenheiten, um sich auf Landesebene mit den entwicklungspolitischen Organisationen und einzelnen Freiwilligen abzusprechen und die Arbeit abzustimmen.

Die Strategien und die Schwerpunktländer im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit wurden auf Basis der Prioritäten der Südtiroler Organisationen und Vereine identifiziert. In diesen Ländern hat die Provinz in der Folge regionale Entwicklungsprogramme umgesetzt; somit wurden Synergien genutzt und Partnerschaften gestärkt.
Was die Schwerpunktthemen der Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol anbelangt, konzentriert man sich auf bestimmte vorrangige Sektoren, die zum einen den spezifischen Bedürfnissen der Partner entsprechen und zum anderen zu den besonderen Kompetenzen und Stärken Südtirols zählen, wie z.B. erneuerbare Energie, nachhaltige Landwirtschaft, Schutz von Minderheiten, Forstwirtschaft, Schutz von Menschen mit Behinderung usw.

Im Jahr 2011 wurden zwei länderbezogene Koordinationstische eingerichtet (Burkina Faso und Uganda), da das Land Südtirol und die hier ansässigen Organisationen in diesen Ländern auf eine bereits 20jährige Erfahrung in der dezentralisierten Entwicklungszusammenarbeit zurückblicken können. Mit diesen Koordinierungstischen wird die Teilnahme aller Institutionen und der Bevölkerung an der Entwicklungszusammenarbeit gefördert. Indem Synergien geschaffen werden, kann das Potential an Kenntnissen, Fähigkeiten und Wissen über bzw. in einem Partnerland besser ausgeschöpft werden.   Zudem schaffen die Koordinierungstische den Rahmen, in dem sich die Akteure gegenseitig über ihre Aktivitäten in einem bestimmten Land oder einer Region informieren können und über die regionalen Programme des Landes Südtirol berichtet wird.

Auch im Rahmen der Bewusstseinsbildung und des globalen Lernens arbeitet das Land mit der Bevölkerung und mit entwicklungspolitischen Organisationen eng zusammen. Jährlich wird ein Koordinierungstisch einberufen, der dazu dient, ein zwei Jahre gültiges Schwerpunktthema auszuwählen, auf das sich die Projekte zur Bewusstseinsbildung auf Landesebene konzentrieren werden.
Bei Veranstaltungen, an denen neben dem zuständigen Landesamt mehrere weitere Organisationen beteiligen sind, werden zusätzliche themenspezifische Arbeitstische eingerichtet.

Die Koordination auf nationaler und internationaler Ebene

Die Koordination zwischen dem Land Südtirol und den anderen italienischen Regionen und Autonomen Provinzen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit läuft über das „interregionale Observatorium für die Entwicklungszusammenarbeit (Osservatorio Interregionale sulla cooperazione allo sviluppo – OICS) ab. Enge Kontakte bestehen insbesondere mit dem Bundesland Tirol und mit der Provinz Trient, mit denen im Rahmen der Europaregion die Aktivitäten in bestimmten Gebiet von Entwicklungsländern abgestimmt werden.
Das Land Südtirol koordiniert seine Arbeit auch mit dem Außenministerium. Dies geschieht bei themen- und länderbezogenen Arbeitstischen, bei denen es auch um die Prioritäten der Europäischen Kommission und der anderen internationalen Organisationen, insbesondere der Vereinten Nationen geht. Außerdem ist die Zusammenarbeit des Landes mit den lokalen und nationalen Entwicklungsplänen der Entwicklungsländer verbunden, in denen sie im Rahmen von Zusammenarbeit und Rahmenverträgen tätig ist.