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Die Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol

Die dezentrale Entwiklungszusammenarbeit des Landes Südtirol

In den neunziger Jahren hat sich neben der Entwicklungszusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene die dezentrale Entwicklungszusammenarbeit entwickelt und jede Region oder Autonome Provinz Italiens hat dafür ihre eigene Gesetzgebung erarbeitet. Im Jahre 1991 war die Autonome Provinz Bozen eine der ersten, welche die Kriterien regionaler Entwicklungszusammenarbeit anzuwenden begann. Im Landesgesetz Nr. 5/1991 „Förderung der Entwicklungszusammenarbeit sowie der Solidaritäts- und Friedensbestrebungen“ wurden diese Kriterien festgelegt.

Die Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol basierte in den vergangenen 20 Jahren auf eine enge Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, den verschiedenen Gemeinschaften und Gebieten. Dadurch wurde eine intensive, aktive Beteiligung der lokalen Bevölkerung der Länder des Südens an den Initiativen gefördert, die zu einer nachhaltigen Entwicklung und zum Erreichen wichtiger Ziele im Bereich der Armutsbekämpfung sowie zur Verbesserung der Lebensbedingungen beiträgt.

Die Zusammenarbeit des Landes Südtirol umfasst die folgenden Schwerpunkte:

  • Entwicklungsprojekte und –programme in Entwicklungs- und Schwellenländern
  • Projekte und Programme zum Schutz von sprachlichen und kulturellen Minderheiten in den Entwicklungs- und Schwellenländern
  • Projekte zur Bewusstseinsbildung und dem globalen Lernen in Südtirol
  • Notstandsmaßnahmen und humanitäre Hilfe

Weitere Einsatzbereiche sind:

  • Abgabe von alten medizinischen Geräten oder Gütern des Landes für den Gebrauch in Entwicklungsprogrammen
  • Koordination zwischen lokalen Behörden und gemeinnützigen Organisationen des Landes, sowie die Koordination auf internationaler und interregionaler Ebene
  • Planung und Umsetzung der dezentralen Entwicklungszusammenarbeit mit EU-Geldern oder Fördermitteln anderer internationaler Organisationen.

Zu den Zielen der Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen des Landesgesetzes Nr. 5/1991 gehören:

  • Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern
  • Maßnahmen zur Ernährungssicherheit
  • Förderung von schulischer Bildung und Berufsausbildung
  • Verringerung von Armut durch die Förderung von Einkommen schaffenden Maßnahmen und eine gerechtere wirtschaftliche Entwicklung
  • Kultur- und Sozialförderung
  • Umweltschutz und Förderung einer nachhaltigen Entwicklung
  • Schutz von benachteiligten Gruppen wie Frauen und Kinder
  • Schutz von sprachlichen und kulturellen Minderheiten und der kulturellen Identität
  • friedliche Lösung von Konflikten

Die allgemeinen Ziele der Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol und die Leitprinzipien auf denen sie beruht, sind jene die in Beschlüssen auf nationaler, internationaler und EU-Ebene festgelegt sind, z.B. die Millenniumsentwicklungsziele, die im Jahr 2000 von 186 Staats- und Regierungschefs während der Sondersitzung der UN-Generalversammlung verabschiedet wurde, in der als eines der dringendsten Ziele die Halbierung der absoluten Armut bis 2015 war. Dieses Ziel wird durch folgende 8 Zielsetzungen weiter definiert:

  1. Bekämpfung von Armut und Hunger;
  2. Grundschulbildung für alle;
  3. Beseitigung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern;
  4. Senkung der Kindersterblichkeit;
  5. Verbesserung der Gesundheit von Müttern;
  6. Kampf gegen Aids und andere Infektionskrankheiten;
  7. Umweltschutz;
  8. Schaffung einer globalen Partnerschaft für die Entwicklung

In den letzten Jahren hat das Land Südtirol den so genannten Global Marshall Plan unterstützt. Diese Initiative geht von der Feststellung aus, dass der heutige Markt nicht Wohlstand für alle bringt. Im Gegenteil, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, sowohl global gesehen, als auch innerhalb der meisten entwickelten Länder. Es ist daher notwendig, einen neuen Markt zu schaffen, eine so genannte "Ökosoziale Marktwirtschaft", die eine effiziente Wirtschaft mit den Grundsätzen der sozialen Entwicklung und des Umweltschutzes verbindet. Konkrete Maßnahmen, die unternommen werden müssen, sind  eine Kombination von Finanzierungen für die ärmsten Länder, die dafür wirtschaftliche und soziale Standards erreichen müssen und zwar gemäß den Kriterien für den Erweiterungsprozess der Europäischen Union. Die Mittel für diese Zuschüsse können durch eine sorgfältige Reglementierung des Finanzmarktes, eine koordinierte, globale Finanzpolitik und die Einführung von Zöllen auf internationale Transaktionen beschafft werden. Weitere Maßnahmen umfassen die Besteuerung des Kraftstoffverbrauchs im internationalen Warentransport und die Zahlung von CO2-Emissionsrechten, die als Kapitalstrom aus den Industrieländern hin zu armen Ländern fungieren würden. Die Finanzierungen müssen dazu verwendet werden, die Industrialisierung der Entwicklungsländer im Einklang mit den Grundsätzen der sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit zu fördern, Gesundheitsversorgung und Bildung sicherzustellen, auch durch die Aufwertung der Rolle der Frauen in der Gesellschaft.

 


Warum ist Entwicklungszusammenarbeit wichtig?

Nach den neuesten Statistiken der FAO leidet immer noch fast eine Milliarde Menschen an Hunger, vor allem in asiatischen Ländern und im Pazifik (578 Millionen) sowie in Afrika südlich der Sahara (239 Millionen). Etwa eine von sechs Personen hat nicht genug Nahrung, um ein gesundes und aktives Leben zu führen. Weltweit sind die größte Gefahr für die Gesundheit des Einzelnen Hunger und Unterernährung aufgrund von Naturkatastrophen, Konflikten, endemischer Armut, unzureichender Infrastruktur für die Landwirtschaft und Raubbau an der Umwelt; mehr als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammengenommen. Trotz der Verringerung des chronischen Hungers in den achtziger und der ersten Hälfte der neunziger Jahre, gab es in den letzten zehn Jahren wieder eine langsame aber stetige Zunahme der Hungernden. Obwohl die Zahl der Kinder unter 5 Jahren, die jeden Tag an vermeidbaren Ursachen sterben um ein Drittel in den letzten 20 Jahren reduziert wurde (von 34.000 im Jahr 1990 auf rund 22.000 im Jahr 2009), stirbt alle vier Sekunden ein Kind an vermeidbaren Krankheiten. Wir dürfen nicht aufhören, uns über diese stillen, oft von der internationalen Gemeinschaft vergessenen Massaker, zu empören. Die Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol basierte schon immer auf dem Glauben daran, dass die Ungleichheit zwischen dem Norden und dem Süden der Welt eine große Ungerechtigkeit ist. Man ist außerdem der Überzeugung, dass eine Welt, in der Ressourcen fairer und gerechter verteilt sind und in der alle die gleichen Chancen haben, ihre Potenziale zu verwirklichen, sehr wohl möglich ist. Entwicklungszusammenarbeit und Bewusstseinsbildung bedeutet auch, in eine faire, gerechte, friedliche und sichere Zukunft für alle zu investieren. Südtirol war und ist keine autarke Insel. Ökonomisch wie ökologisch ist unsere Zukunft mit der anderer Regionen und Länder eng verbunden.

Darum, aber vor allem aus Gründen der Ethik und Gerechtigkeit, sieht sich Südtirol als Teil einer globalen Verantwortungsgemeinschaft. Die Folgen und Kosten von Naturkatastrophen im Süden und Norden der Welt, Kriege und Konflikte, Hungersnöte, politische und wirtschaftliche Krisen wie erst kürzlich in Nordafrika, Migrationen und Kriege zwischen den Religionen sind Themen, die uns nicht gleichgültig sein können und die jeden von uns betreffen.

Die Probleme der Entwicklung haben nicht nur dort Auswirkungen, wo sie entstehen: man denke nur an Migration, die nicht vermieden und kaum gelenkt werden kann, Umweltverschmutzung, nukleare Katastrophen usw. Dies sind Probleme, die sicherlich nicht an Staatesgrenzen enden. Überall in der Welt sind Millionen von Menschen auf der Flucht vor Kriegen, politischer Unterdrückung, zunehmender Zerstörung der Umwelt, vor dem Mangel an Nahrung oder an Arbeitsplätzen. Oft sind es Flüchtlinge, Einwanderer, Personen, die gewaltsam gezwungen wurden, ihr Land zu verlassen, oder auswandern mussten, weil sie dort keine Aussicht auf ein würdiges Leben hatten. Vor allem die Migration, die durch Armut verursacht wird, kann nicht durch die Errichtung von Grenzen zwischen den Ländern bekämpft werden, sondern muss an der Wurzel angepackt werden. Genau das ist das Ziel mehrerer Projekte der Entwicklungszusammenarbeit des Landes im Bildungsbereich, die, vor allem jungen Leuten, durch Schulungen und Berufsausbildung neue und konkrete Lebensaussichten bieten wollen.

Die Globalisierung und die zunehmende Interdependenz der Phänomene, die sowohl globale als auch lokale Auswirkungen haben, erfordern passende und gemeinsam erarbeitete Lösungen für eine gerechtere wirtschaftliche und soziale Entwicklung.


Hat Entwicklungszusammenarbeit überhaupt eine Chance?

Die Entwicklungszusammenarbeit kann nicht die Lösung der Probleme unserer Welt sein. Solange jeden Tag Tausende von Kindern an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben, können wir nicht von einem wirklichen Erfolg sprechen. Wir sollten die Ergebnisse unserer Arbeit aber dennoch nicht bagatellisieren, z.B. ist in den letzten vierzig Jahren die Kindersterblichkeitsrate weltweit um 60% gesunken. Weitere Ergebnisse wurden im Bericht der Vereinten Nationen von 2011 über die Millenniums-Entwicklungsziele in den veröffentlicht: Zunahme der Jungen und Mädchen, die die Grundschule und Sekundarstufe besuchen, Verringerung der Todesfälle durch Malaria und der Müttersterblichkeit, große Fortschritte beim Zugang zu Trinkwasser. Allerdings sind diese Ergebnisse auch der starken wirtschaftlichen Entwicklung in den asiatischen Ländern wie Indien und China zu verdanken, während die afrikanischen Länder noch weit hinterher hinken.

Jenseits der Statistiken, die oft die tatsächlichen Ausmaße der Armut nicht beschreiben können, setzt das Land Südtirol auf dezentralisierte Zusammenarbeit, durch lokale selbständige Partner, die eine aktive Rolle in den Projekten spielen und durch welche die Entwicklungsmaßnahmen wirkungsvoller werden. Ziel und Herausforderung der Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol ist es, Barrieren und Grenzen abzubauen, um den Erfahrungsaustausch zwischen Nord-Süd und Süd-Süd zu fördern und somit Beteiligung und Eigenständigkeit der lokalen Akteure zu begünstigen.

Die konkreten Ziele der Entwicklungszusammenarbeit werden in der Planungsphase erarbeitet und sollen in den einzelnen Projekten und Programmen so genau wie möglich beschrieben werden. Die Projektaktivitäten werden mit und für klar definierte Zielgruppen verwirklicht. Die Initiativen werden auf bestimmte Bereiche fokussiert, damit kann bestimmten Personengruppen,  Gemeinschaften, Regionen, lokalen Vereinigungen (z.B. Frauen-Kooperativen) geholfen werden.

Die Worte "Partnerschaft" und "Beziehung" beschreiben die nötigen Voraussetzungen, um die gewünschten Ergebnisse zu erreichen. Die Stärken der Entwicklungszusammenarbeit des Landes Südtirol sind die Überschaubarkeit der einzelnen Projekte, die persönlichen Kontakte, die Beteiligung der Bevölkerung und eine meist langfristige Zusammenarbeit.

Die Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte haben gezeigt, dass diese Art der Zusammenarbeit tatsächlich eine aktive Beteiligung und den Dialog zwischen gleichberechtigten Partnern fördert. Aus diesem bereichernden Austausch gewinnt man die Erkenntnis, dass materielle Hilfe und beratende Tätigkeiten dem Entwicklungsprozess einen Anstoß geben können. Den Einsatz und das Verantwortungsbewusstsein der lokalen Partner können sie jedoch nicht ersetzen.


Nachhaltige Entwicklung

Nachhaltige Entwicklung wird, wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen und Herangehensweisen, folgendermaßen definiert: "Entwicklung, die den Bedürfnissen der jetzigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“ (Verkürzte Definition gemäß dem Brundtland-Bericht). Dies ist das Konzept, das hinter der Umwelt- und Entwicklungspolitik steht. Nachhaltigkeit gilt heute als Grundvoraussetzung eines jeden Kooperationsprojektes, der Rahmen ist aber ziemlich allgemeinen gefasst. Es ist daher notwendig, verschiedene Aspekte der Entwicklung auf ihre Nachhaltigkeit zu prüfen, z.B. welche sozialen Faktoren die Nachhaltigkeit fördern oder hindern. Die meisten Experten im diesem Gebiet sind sich darüber einig, dass nachhaltige Entwicklung nur dann erreicht wird, wenn die Gleichstellung von Männern und Frauen gewährleistet ist. Beide Geschlechter sollen sich in gleicher Weise am Entwicklungsprozess beteiligen dürfen und in der Lage sind, diesen zu  beeinflussen und zu steuern. Auch die Entwicklungsprogramme des Landes Südtirol können nur dann als wirksam strukturiert erachtet werden, wenn zusätzlich zu den Berücksichtigungen des sozialen Kontextes auch Maßnahmen zur Beseitigung von Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten getroffen werden.

Das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern, so dringend notwendig es auch sein mag, darf nicht auf Kosten der Umwelt geschehen.

Die wiederkehrenden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Dürren zeigen, dass das Eingreifen des Menschen in die Umwelt verheerende Folgen haben kann. Umweltkatastrophen  schlagen wahllos zu und lassen sich nicht durch Staatsgrenzen aufhalten. Es muss im Interesse aller sein, den künftigen Generationen die notwendigen Voraussetzungen für ein würdevolles Leben zu gewährleisten. Der Klimawandel ist das eklatanteste Beispiel dafür, welche Wechselwirkungen im Umweltbereich zwischen lokalem Handeln und globalen Auswirkungen bestehen. In den letzten Jahren hat die Zahl der Umweltkatastrophen deutlich zugenommen. Immer mehr Wissenschaftler machen menschliche Einflüsse für den Klimawandel und anomale Wetterbedingungen verantwortlich. Rücksichtsloses Wirtschaften schafft für die betroffenen Regionen gravierende Probleme, so etwa die Abholzung von Wäldern, die zu Erosion führt oder die Verschmutzung von Trinkwasser, die Wassermangel und Gesundheitsgefährdungen mit sich bringt. Entwicklungsprojekte müssen also imstande sein, klare Alternativen aufzuzeigen, z.B. nachhaltige Forstwirtschaft im Regenwald statt Kahlschlag.

Die Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro über Umwelt und Entwicklung hat bereits im Jahr 1992 dieses Dilemma angesprochen und die „Agenda 21“ sowie der „Aktionsplan von Johannesburg 2002“ sprechen von einer gemeinsamen aber differenzierten Verantwortung, in Industrie- und Entwicklungsländern, was den Umweltschutz anbelangt. Diesen Erkenntnissen folge leistend, müssen die Entwicklungsländer bei der Wahl von umweltfreundlichen und zukunftsorientierten Entwicklungsmodellen unterstützt werden. Die Konferenz der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, Rio +20, welche 20 Jahre nach dem Earth Summit von 1992 im Jahr 2012 in Rio de Janeiro stattfindet, stellt eine große Herausforderung dar. Man will durch den gemeinsamen Einsatz der Regierungen und der Bevölkerung als Ganzes gemeinsame Ziele erreichen, um das Gleichgewicht des Planeten zu schützen.