Archivale des Monats

Ein Blick vom Virgl über das einst ländliche Bozner Becken

Sammlung Helene Oberleiter, Nr. 25

Die Kirche St. Vigilius auf dem Virgl, hier ganz rechts im Bild, wird erstmals 1275 in schriftlichen Quellen erwähnt. Es handelt sich um einen einfachen Bau mit Rundapsis. Vom einst reichen Freskenschmuck, der unter anderem die Vita des Titelheiligen zeigte, sind nur noch Reste erhalten. Nach der 1685 erfolgten Weihe der etwas unterhalb liegenden barocken Grabeskirche am Kalvarienberg wurde das Patrozinium vom älteren Bau auf die neue Kirche übertragen, die mittelalterliche Kapelle wurde profaniert.
Die Grabeskirche mit einer achteckigen Kuppel war zwischen 1683 und 1685 von den Brüdern Peter und Andrä Delai erbaut worden, und bildete den Abschluss eines Kreuzweges mit sieben Kapellen, in denen lebensgroße Holzfiguren den Leidensweg Christi veranschaulichen. Etwas ungewohnt, ja verwirrend für den heutigen Betrachter ist diese Aufnahme des Bozner Beckens aus dem frühen 20. Jahrhundert, mäandert doch der Eisack in seinem Unterlauf durch einen landwirtschaftlich genutzten, kaum verbauten Landstrich, den heute ein dichtes Netz von Verkehrsinfrastruktur, Wohnsiedlungen und Gewerbebauten dominiert.
Das Gebiet am Grutzen links des Eisacks und die Au am rechten Eisackufer waren über viele Jahrhunderte der Garten Bozens gewesen. Der Wohlstand der Talferstadt beruhte traditionell auf dem Handel sowie dem Weinbau, Industrie spielte dagegen eine marginale Rolle.
Ab der Mitte der 1930er Jahre begünstigte der italienische Staat im Zuge seiner Wirtschaftsförderungs- und Italienisierungspolitik die Ansiedlung von Industriebetrieben im Gebiet am Grutzen, wofür auch Güter enteignet wurden. In den dreißiger und vierziger Jahren entstand auf diese Weise der Kern des Bozner Industriegebiets, das auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges weiterwuchs. Mehrere Tausend Arbeiter aus verschiedenen Teilen Italiens fanden hier eine Beschäftigung, für sie musste neuer Wohnraum geschaffen werden. Neue Viertel entstanden im Gebiet von Quirein am westlichen Ufer des Eisacks, etwas weiter flussabwärts auch die sogenannten Semirurali, eine ländlich anmutende Siedlung mit zweistöckigen Häusern, die jeweils mit einem Garten versehen waren. Auch die Semirurali sind mittlerweile Geschichte, an ihrer Stelle erheben sich heute mehrstöckige Wohnblöcke.

ep

PT

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