Forschungsprojekte

Adlige Herrschaft und kommunale Teilhabe. Die Grafen von Tirol und ihre Städte im Spätmittelalter

Das jüngere große Siegel der Stadt Meran an einer Urkunde von 1417, Foto: Südtiroler Landesarchiv, 2001

Die vom Südtiroler Landesarchiv finanziell unterstützte Untersuchung, die im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragenen Projekts „Städtische Gemeinschaft und adlige Herrschaft“ entstanden ist, zielt darauf ab, die spätmittelalterliche Urbanisierung Tirols anhand der Wechselbeziehungen zwischen den Tiroler Grafen und den landesherrlichen Städten für die Zeit vom 13. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert zu analysieren. Berücksichtigt wurden die politischen Gestaltungsmöglichkeiten der Stadtherren, die Handlungsoptionen der Gemeindevertreter und Stadtbewohner sowie die Rolle vermittelnder städtischer oder adliger Funktionsträger. Den Untersuchungsschwerpunkt bildet Meran, während Bozen, Glurns, Hall, Innsbruck und Sterzing vergleichend herangezogen wurden. Mit Meinhard II. († 1295) existiert für Tirol eine historische Herrscherfigur, die auch den Blick auf die Städte dominiert. Unter Heranziehung der städtischen Urkunden konnte die bisherige Anschauung modifiziert werden, nach der besonders Meinhard die Städte umfassend mit Privilegien ausgestattet habe. Stattdessen zeigten sich der Überlieferung zufolge vor allem dessen Söhne geneigt, bestehendes Recht zu verbriefen oder Freiheiten neu zu verleihen. Dabei ist es gelungen, Abstand von einem zuvor überwiegend herrschaftsorientierten Verständnis der Privilegierungsvorgänge zu gewinnen und zu zeigen, dass die Initiative anteilig bei den städtischen Akteuren lag. In Hinblick auf die Verfassungsentwicklung erwies es sich als aufschlussreich, nicht nur die bloßen Erwähnungen von Rat oder Bürgermeistern zu berücksichtigen, wie dies durch die ältere Forschung überwiegend getan wurde: Zum einen konnten Gremien mit deckungsgleichen Kompetenzen nachgewiesen werden, die traditionell als Geschworene oder Gewählte bezeichnet wurden. Zum anderen ließ sich belegen, wie willkürlich die häufig zitierten Erstnennungen der Südtiroler Ratsgremien sind. Daneben wird in der Arbeit die Schriftlichkeits- und Verwaltungspraxis der behandelten Städte ausführlich aufgegriffen. Für die Städte der Tiroler Grafen erhalten wir einen Eindruck von Schriftproduktion, die im Vergleich mit oberitalienischen und oberdeutschen Großstädten naturgemäß bescheiden ist, aber gerade im Kontrast zu anderen Klein- und Mittelstädten nicht unterschätzt werden darf. Kommunikation und Interaktion zwischen Gemeindemitgliedern und Landesherr werden anhand eines bislang kaum beachteten Ereignisses analysiert: den innerstädtischen Meraner Unruhen von 1477/78, die durch landesherrliche Vermittlung beigelegt wurden. Das Beispiel zeigt nicht zuletzt, dass die Einmischung des Grafen bei der Lösung lokaler Probleme auch von städtischer Seite zum Teil dezidiert erwünscht wurde. Der Text der Untersuchung wird im Laufe des Jahres 2015 in den „Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs“ im Druck erscheinen.

Der Projektverantwortliche: Christian Hagen (Bozen), Dr. des., wurde mit dieser Arbeit im Sommer 2013 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel promoviert. Derzeit ist Herr Hagen Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Rechtsräume & Geschlechterordnungen als soziale Prozesse – transregional. Vereinbaren und Verfügen in städtischen und ländlichen Kontexten des südlichen Tirol vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert“. 

PT

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