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Sprache & Identität

Das Ladinische ist eine neolateinische oder romanische Sprache, die von einer regionalen Variante des Vulgärlateins abstammt. Es zeigt rätische, keltische und norische Merkmale auf. Der Einfluss dieser vorromanischen Sprachen ist vor allem im alpinen Wortschatz ersichtlich, z.B. barantl (=Legföhre, Latsche), brënta (=Wasserschaff), crëp (=Berg), dascia (=abgeschnittene Tannenzweige), nida (=Buttermilch), roa (=Mure). Die zwei Bezeichnungen Ladinisch und Rätoromanisch beziehen sich nicht auf eine Einheitssprache, sondern auf verschiedene Idiome, die gemeinsame linguistische Merkmale aufweisen. Diese Sprachfamilie kann man in drei Sprachinseln gliedern: das Dolomitenladinische rund um die Sellagruppe, das Rätoromanische in Graubünden und das Furlan im Friaul.
Als Dolomitenladinisch wird jene Gruppe von Idiomen bezeichnet, die in den Tälern rund um die Sellagruppe gesprochen werden: Gadertalisch mit seinen drei Varianten: badiot (Obergadertal), ladin de mesaval (Mittelgadertal) und marou (Gemeinde Enneberg); gherdëina (bzw. Grödnerisch in Gröden); Fassanisch, das in die drei Varianten cazet (Oberfassanisch), brach (Unterfassanisch) und moenat (Mundart von Moena) unterteilt wird; Buchensteinisch, bei dem zwischen der Variante fodom und jener von Colle Santa Lucia unterschieden wird. Dazu kommt noch ampezan, das Idiom von Cortina d'Ampezzo. Auch wenn letzteres Idiom sich in einigen Punkten von den anderen Varianten unterscheidet, kann es nicht zuletzt wegen des kulturhistorischen Hintergrunds, wegen des sprachlichen Zugehörigkeitsgefühls und wegen der ideologisch-kulturellen Beziehungen dem Zentralladinischen zugeordnet werden.
Über die Schaffung einer schriftlichen Einheitssprache wurde viel debattiert. Prof . Heinrich Schmid, ehemaliger Professor der Romanistik an der Universität Zürich  wurde von den zwei Kulturinstituten Micurà de Rü und Majon di Fascegn beauftragt, Kriterien für die Schaffung einer koiné auszuarbeiten. Diese Einheitssprache nahm zunächst den Namen Ladin Dolomitan an und wurde später in Ladin Standard umbenannt. Die Erschaffung dieser Einheitssprache gründete auf den Vergleich der Idiome, von welchem gemeinsame linguistische Merkmale ausgewählt wurden bzw. die am häufigsten vorkommende Variante mit einer gewissen Vorliebe für die konservativsten bzw. ältesten sprachlichen Formen. Was die Akzeptanz und Realisierung einer Umsetzung der Standardvariante anbelangt, gibt es sehr unterschiedliche Meinungen: Einige sehen die Standardsprache als einzige Überlebensmöglichkeit des Ladinischen, andere dagegen halten das Ladin Standard für eine Kunstsprache, die von einigen Linguisten erschaffen wurde und fühlen sich von ihr entfremdet. Nach langen Diskussionen wurde beschlossen, das Ladin Standard nicht als offizielle Verwaltungssprache anzuerkennen.

Literaturvorschläge:
Forni, Marco. Ladinische Einblicke. Erzählte Vergangenheit, erlebte Gegenwart in den ladinischen Dolomitentälern. Istitut Ladin Micurà de Rü, 2005.
Belardi, Walter. Breve storia della lingua e letteratura ladina. Istitut Cultural Ladin “Micurà de Rü” 1995.

 

(Letzte Aktualisierung: 20.08.2008)