"Ortler Eiskernbohrung": Projekt zur Erforschung des Klimawandels startet diese Woche

LPA - Diese Woche startet die Umsetzung eines Projektes, dem jahrelange Vorbereitungszeit vorausging. Internationale Wissenschaftler werden im September und Oktober unterstützt von der Landesabteilung Brand- und Zivilschutz am Ortler Eisproben entnehmen und erforschen. Landeshauptmann Luis Durnwalder stellte heute (20. September) gemeinsam mit Lonnie Thompson von der Universität Ohio (USA) das Projekt "Ortler Eiskernbohrung" vor.

Abteilungsdirektor Hanspeter Staffler, LH Luis Durnwalder, Wissenschaftler Lonnie Thompson und Projektkoordinator Paolo Gabrielli (v.l.).

Ziel des Projektes, das Bohrungen im Firnfeld am Ortler auf der Höhe von ungefähr 3850 Metern vorsieht, ist es, Eisproben aus der gesamten Gletscherdicke, die circa 70 Meter beträgt, zu entnehmen, um sie als Grundlage für umfassende Forschungen zur Geschichte des Klimas in Südtirol sowie zu den Auswirkungen des Klimawandels zu verwenden. 

"Bohrkerne aus den eisigen Archiven der Gletscher bieten die Möglichkeit, Mechanismen des Klimawandels besser zu verstehen. Dass die Wahl für dieses Projekt auf den höchsten Berg Südtirols, den Ortler, gefallen ist, ist für uns eine große Ehre. Diese Forschungsarbeit ist für die gesamte Menschheit von Interesse und wir werden sie nach Kräften unterstützten", betonte LH Luis Durnwalder in seinen einführenden Worten.

Das Projekt wird vom Byrd Polar Research Center der Universität Ohio  in den USA und dem Hydrographischen Landesamt in Südtirol koordiniert, vor Ort wird sich ein international zusammengesetztes Team aus amerikanischen, italienischen und österreichischen Wissenschaftlern unter der Leitung von Lonnie Thompson befinden. "Der Klimawandel ist eine der zentralen Fragen für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Das Eis des Ortlers enthält wichtige historische Informationen über Temperatur, Niederschlag etc., daher ist dieses wissenschaftliche Projekt für uns von größter Bedeutung", erklärte Thompson und bedankte sich für die Zusammenarbeit mit dem Land Süditrol.

Das Land Südtirol stellt die funktionelle Logistik für die Bohrung am Ortler zur Verfügung. "Ermöglicht wird dies durch die enge Zusammenarbeit der Landesabteilungen für Wasserschutzbauten, jener für Brand- und Zivilschutz, der Forstverwaltung und des Landesamts für Geologie und Baustoffprüfung", erklärt Hanspeter Staffler, Direktor der Landesabteilung für Brand- und Zivilschutz. Weitere Partner sind die EURAC, die mit zwei Projekten im Bereich Fernerkundung und alpine Höhenmedizin beteiligt ist, sowie der Nationalpark Stilfser Joch.

"Die Wissenschaftler und das technische Material werden von der Franzenshöhe aus via Helikopter auf den Oberen Ortler-Ferner gebracht und in Zusammenarbeit mit der Alpinschule Ortler aus Sulden auf das hohe Firnfeld gesichert begleitet. Dort wird für ungefähr einen Monat ein Höhenlager für die Wissenschaftler errichtet. Das Herzstück bildet das Domzelt für die Unterbringung des Bohrgeräts", erläutert Roberto Dinale vom Hydrographischen Landesamt. Besondere Aufmerksamkeit werde dabei der Umweltverträglichkeit gewidmet. "Das Bohrgerät wird mit Sonnenkollektoren und nur im Ersatzwege mit hocheffizienten Stromgeneratoren gespeist. Nach Abschluss der Forschungsarbeit wird das Zeltlager vollständig abgetragen und der ursprüngliche Zustand des Geländes wiederhergestellt", ergänzt Dinale.

Die Bohrtechnik ermöglicht die Entnahme von 100 Zentimeter langen Bohrkernen mit einem Durchmesser von zehn Zentimetern, die in isolierten Behältern aufbewahrt  werden. "Diese Muster werden dann in den Labors des Byrd Polar Research Centers der Universität Ohio und der Universitäten von Venedig und Innsbruck analisiert, um die Umwelteigenschaften in der Vergangenheit, wie die Temperaturen, die Niederschläge und die atmosphärische Chemie zu studieren", sagt der wissenschaftliche Projektkoordinator Paolo Gabrielli von der Universität Ohio. "Damit können wir Rückschlüsse auf die Vergangenheit des Klimas ziehen, aber auch Prognosen für die Zukunft erstellen."  

Die paleoklimatologische Untersuchung wird von weiteren Tätigkeiten begleitet: Installation einer Wetterstation,  Untersuchung des Einflusses der Klimaveränderung auf den Permafrost, Erhebung der Veränderung der Gletscherausdehnung sowie die Frühdiagnose von Höhenkrankheiten aufgrund besonderer medizinischer Untersuchungen, denen die Wissenschaftler unterzogen werden. Darüber hinaus werden Südtiroler Schüler im Rahmen eines Gletschercamp für eine Woche die Arbeit des internationalen Forschungsteams hautnah miterleben können.

mpi

Bildergalerie

Eisbohrungen zur Erforschung des Klimas

Hanspeter Staffler über den Sinn der Forschung

Landeshauptmann Durnwalder über die Wichtigkeit des Projektes