Psyche und Covid-19: erste Ergebnisse der Südtirol-Studie

Ein Abschnitt der im Sommer landesweit durchgeführten Covid-19-Studie behandelt die psychologischen Auswirkungen in Zusammenhang mit der Verbreitung von COVID-19. Nun liegen erste Ergebnisse vor und diese zeigen, wie wichtig Tests sind, denn ein großer Teil der positiv Getesteten hielten sich für nicht infiziert.

Psyche und Covid-19: erste Ergebnisse der Südtirol-Studie (Foto: 123rf)

Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Südtiroler Statistikinstituts ASTAT, der Europäische Akademie (EURAC), des Instituts für Allgemeinmedizin, des psychologischen Dienstes des Gesundheitsbezirkes Brixen sowie des Ressorts für Gesundheit. Am psychologischen Teil der Studie haben sich insgesamt über 800 Personen beteiligt und haben so wertvolle Informationen zur Corona-Pandemie und deren Auswirkung auf die Psyche geliefert.

Selbsteinschätzung zu Covid-19-Infektion ist unzureichend
Die vorläufige Auswertung der psychologischen Aspekte zeigt, dass Personen nicht einschätzen können, ob sie mit dem neuartigen Coronavirus infiziert wurden oder nicht.
„Das diesbezügliche menschliche Urteilsvermögen entspricht weitgehend der Ratewahrscheinlichkeit“, so der Studienleiter des psychologischen Teils der Studie, Roland Keim. Dies liege zum einen daran, dass zirka 30 Prozent gar keine Symptome zeigen und dass zum anderen die Symptome unspezifisch sind oder von den Betroffenen nicht richtig zugeordnet werden können. Immerhin glauben ungefähr drei Viertel der tatsächlich positiven Probanden fälschlicherweise, dass sie gar nicht oder eher nicht mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert wurden. Bei den tatsächlich negativ getesteten Probanden sind das kaum mehr.
Das bedeutet, dass Menschen sich oft in trügerischer Sicherheit wiegen und damit Gefahr laufen, andere unbemerkt mit dem Virus anzustecken. In Anbetracht dieser Ergebnisse dürfte die völlige Ahnungslosigkeit bei der Übertragung eher die Regel als die Ausnahme sein.

Zusammenhang zwischen emotionaler Belastung und Covid-19-Infektion
Ein weiteres interessantes Ergebnis: Positiv und negativ Getestete unterscheiden sich in ihrer spezifischen Angst vor Covid-19 nicht. Sehr wohl aber zeigt sich ein statistisch signifikanter Unterschied bezüglich allgemeiner Ängstlichkeit, Depression und Stress zwischen Covid-19 positiv und Covid-19 negativ getesteten Probanden: Die positiv getesteten Probanden waren signifikant depressiver, ängstlicher und gestresster als negativ getestete. Dieser Unterschied ist nicht auf eventuelle Geschlechtsunterschiede, Altersunterschiede, auf das Wissen um die Infektion, auf längere Krankheitsdauer, Arbeitsplatzverlust, vermehrte Präsenz von chronisch körperlichen Krankheiten oder auf Quarantänemaßnahmen zurückzuführen. Die meisten Probanden scheinen auch die Quarantäne in psychischer Hinsicht gut bewältigt zu haben. Weder die Depressions- noch die Angst- noch die Stresswerte unterscheiden sich bei Probanden in Quarantäne von jenen, die nicht unter Quarantäne standen. In der Tat war kein positiv getesteter Proband aus der Untersuchungsstichprobe in Krankenhausbehandlung. Die allermeisten Fälle hatten einen milden bis asymptomatischen Verlauf. Grundsätzlich ist denkbar, dass diese erhöhte emotionale Belastung eine spezifische Folge der viralen Infektion mit dem neuartigen Coronavirus darstellt. Ähnlich hat eine neue, noch nicht veröffentlichte irische Studie gezeigt, dass bei Patienten einer Covid-19 -Ambulanz mehr als die Hälfte an einem länger andauernden Fatigue-Syndrom leidet.

Entgegen dieser Hypothese berichten die Probanden der Südtirol-Studie mit insgesamt deutlich milderem Verlauf von keinerlei Verschlechterungen der körperlichen oder psychischen Gesundheit. Umgekehrt ist nicht auszuschließen, dass eine erhöhte emotionale Belastung die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit diesem Virus erhöht. Letzteres wurde experimentell mit harmlosen Schnupfenviren aufgezeigt und wird von der gleichen Forschergruppe auch für dieses Virus prinzipiell als Möglichkeit angesehen. Damit könnte unter anderem auch erklärt werden, weshalb manche nahestehenden Familienmitglieder bei vermuteter gleicher viraler Exposition infiziert werden, andere hingegen nicht. Als Grund dafür wird das komplexe Zusammenspiel von Emotionen und Immunsystem gesehen. Dazu gibt es neben den erwähnten Studien auch experimentelle Ergebnisse aus Tierversuchen, Hinweise aus epidemiologischen Studien bei diversen chronischen Krankheiten oder aus experimentellen Studien zur Wundheilung bei psychischem Stress.
Ob nun psychische Belastungen eher zu einer erhöhten Infektionswahrscheinlichkeit führen oder, umgekehrt, die Folgen einer abgelaufenen Infektion sind und welche biologischen Mechanismen dabei beteiligt sind, müsste in einer Folgeuntersuchung näher geklärt werden.

Soziale Faktoren und Covid-19-Infektion
Personen mit einer Covid-19-Infektion gaben durchschnittlich statistisch signifikant häufiger an, in einem größeren Haushalt (χ2 p <0.03) und bei den eigenen Eltern zu leben (χ2 p=0.03), durchschnittlich mehr Freizeit außerhalb des Hauses zu verbringen (χ2 p <0.05), bei der Arbeit täglich einen Abstand von einem Meter oder weniger mit mehreren Personen zu haben (χ2 p <0.01), und sie berichten auch von einer größeren Diversität des sozialen Netzwerkes (t p<0.05).

Daneben spielt es vergleichsweise keine Rolle, ob angegeben wurde, in einem größeren Wohnblock oder in einem Einfamilienhaus zu leben oder einem Verein oder einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Die Angaben zur Anzahl an Wochenarbeitsstunden außerhalb der eigenen Wohnung, die Art der benutzten Transportmittel für Arbeit und Freizeit, die Fahrtdauer, regelmäßiger Kontakt zu Haustieren, die spezifische Angst vor Covid-19 oder die Präsenz von Kindern im Haushalt zeigen ebenfalls keine Unterschiede zwischen Covid-19 positiv und negativ getesteten Probanden.

Insgesamt sind diese ersten Ergebnisse mit großer Vorsicht zu beurteilen, da statistische Zusammenhänge noch nichts über die Kausalität aussagen. Es kann beispielsweise nicht ausgeschlossen werden, dass die psychische Belastung von anderen, bisher nicht erfassten, aber systematisch mit Covid-19 zusammenhängenden Variablen verursacht wird. Wenngleich die Unterschiede hinsichtlich psychischer Belastungen zwischen Covid-19 Positiven und Negativen zwar statistisch signifikant sind, so sind die psychischen Belastungen in der Regel mild.
Umso wichtiger scheint es, in einer Folgestudie diese Aspekte genauer hinsichtlich Kausalität zu untersuchen. Die Daten aus dieser Erhebung werden aktuell von den beteiligten Südtiroler Einrichtungen und dem Institut für Höhere Studien der Universität Pavia genauer statistisch analysiert.
Unabhängig von der vermuteten Kausalität zeigen diese Ergebnisse, dass bei Covid-19, auch im Falle von milden Verläufen, an psychische Begleiterscheinungen gedacht werden muss.

RED

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