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Es gibt eine Werteverschiebung in der Berufswahl

Die Welt verändert sich – Digitalisierung, Umweltanstrengungen und die aktuelle Corona-Pandemie sind nur eine Handvoll Beispiele dafür. Aber wie wirkt sich das auf die Berufsentscheidung der Berufstätigen von Morgen aus? Alexa Seebacher, Amtsdirektorin für das Amt für Ausbildungs- und Berufsberatung erklärt, wie sich die Berufswahl und ihre Arbeit als Berufsberaterin in den vergangenen Jahren verändert hat und gibt Einblicke in einen überraschenden Wandel. (Interview Lisa Maria Kerschbaumer)

Durch die stetigen Veränderungen der letzten Jahre haben sich immer mehr und immer neue Berufsfelder erschlossen. Wer hätte beispielsweise vor zwanzig Jahren gedacht, dass sich einmal über Soziale Medien Geld verdienen lässt? Aber wie sieht das Interesse der heutigen Jungend wirklich aus? Und welche Berufe und Berufsfelder waren in den vergangenen Jahren in Südtirol die beliebtesten? "Natürlich beeinflussen Faktoren wie die Digitalisierung und die Nachhaltigkeit den Arbeitsmarkt. Doch viel mehr spielen diese Veränderungen in die bereits bestehende Berufswelt hinein", weiß Alexa Seebacher, Amtsdirektorin. "Beispielsweise habe ich letztens gesehen, wie Handwerker 3D-Brillen eingesetzt haben, um zu sehen, wo Leitungen verlegt werden müssen."
Wie sie erklärt, führen Themen wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung daher nicht unbedingt dazu, dass die Jugend von heute andere Berufsbilder wählt – sie sorgen lediglich für eine neue Interpretation derselben. "So wie manche früher Model werden wollten, wollen andere heute vielleicht Influencer werden und im Ahrntal gibt es zum Beispiel eine professionelle Gamerin. Doch im Großen und Ganzen haben sich die beruflichen Interessensgebiete nicht sehr verändert."
Was allerdings zu einer Veränderung in der Berufsentscheidung geführt hat, ist die aktuelle Corona-Pandemie.


Sicherheit im Beruf ist das Um und Auf

"Seit dem Ausbruch der Pandemie konnten wir deutlich eine Verschiebung der Werte feststellen", erklärt die Amtsdirektorin für Ausbildungs und Berufsberatung. Denn durch die Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Lockdowns hat die Sicherheit auf Arbeit einen besonders hohen Stellenwert bekommen.
"Durch die konsumierten Informationen der letzten Jahre haben sich viele Menschen ein neues Bild davon gemacht, welche Berufe sicher sind und welche nicht. Beispielsweise scheint in den Augen vieler eine Arbeitsstelle im Tourismus als unsicher, während Berufe im Gesundheitsbereich als sehr sicher angesehen werden", erklärt die Expertin.
Doch diese Annahmen entsprechen nicht unbedingt der Realität. "Viele Wirtschaftsbereiche haben unter der Pandemie gelitten", erklärt sie.
Aber es sei wichtig, die Pandemie als Ausnahmefall zu betrachten. "Denn der Tourismuszweig ist eigentlich ein sehr sicherer Wirtschaftsbereich." 

Für sie und die Berufsberater in Südtirol ist es daher in den vergangenen Jahren umso wichtiger geworden, solche voreiligen Schlüsse zu widerlegen und aufzuklären.
"Auch haben wir aktuell viele Berufstätige, die aus denselben Gründen die Arbeit wechseln wollen", weiß sie. Hier rät sie: "So eine Entscheidung sollte nicht aus Angst heraus passieren. Wenn der Job einem Spaß macht, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass die aktuelle Situation nicht für immer bestehen wird." 

So sollte ein Beruf gewählt werden 

Die Entscheidung, welcher Beruf für einen der Beste ist, sollte nicht aus Angst getroffen werden. "Unsere Aufgabe ist es, auf die einzelnen Personen einzugehen und ihnen die gesamte Bandbreite der Ausbildungs- und Berufswelt aufzuzeigen." Weiter erklärt sie: "Wir machen im Rahmen unserer Beratung auch eine Potentialanalyse. Dabei werden in erster Linie die Interessen und Fähigkeiten der Personen festgestellt. In der Beratung werden diese reflektiert und mit anderen wichtigen Faktoren ergänzt."

Denn wie die Amtsdirektorin weiß, müssen bei der Berufswahl alle Faktoren miteinbezogen werden, denn eine Ausbildungs- oder Berufswahl ist immer multifaktoriell. "Ich erinnere mich an die Situation eines Jungen, der die Fähigkeiten und auch das Interesse für eine ganz bestimmte Oberschule hatte. Doch sechs Monate später saß er bei mir in Beratung." Starkes Heimweh hatte für den Jungen diesen Weg schlicht unmöglich gemacht. Deshalb ist es wichtig und notwendig den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen und gemeinsam mögliche Wege zu erarbeiten."
Globale Einflüsse wie die Digitalisierung, Soziale Medien und Umweltschutz sind daher zwar durchaus ein Thema bei der Berufsentscheidung, doch sie verändern nicht die Berufswünsche der Jugendlichen per se. Was allerdings durchaus zu einer Veränderung führt, ist die aktuelle Suche nach Sicherheit. Hierzu gibt Alexa Seebacher noch den Tipp: "In so vielen Bereichen der Wirtschaft wird zurzeit händeringend nach Personal gesucht."
Junge Berufseinsteiger, aber auch Erwachsene die darüber nachdenken, den Beruf zu wechseln, sollten sich daher weniger über die Sicherheit der Sparte während der Corona-Pandemie sorgen, als sich darauf konzentrieren, welcher Beruf für sie selbst die beste Wahl ist. „Als Berufsberater und Beraterinnen haben wir deshalb die Aufgabe, die Realität zu kennen und diese zu erklären, nicht aber zu entmutigen und zu verängstigen."

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