LandWIRtschaft 2030

LandWIRtschaft 2030

Strategiepapier für die Südtiroler Landwirtschaft

Im Wort „LandWIRtschaft“ steckt ein großes WIR. Es umfasst uns Bäuerinnen und Bauern, aber auch die gesamte Gesellschaft. So soll unsere LandWIRtschaft 2030 ausschauen:

  • Südtirol, das Land der bäuerlichen Familienbetriebe
  • Südtirol, das Land der Artenvielfalt
  • Südtirol, das Land des sauberen Wassers und der fruchtbaren Böden
  • Südtirol, das Land der Premiumprodukte
  • Südtirol, Forschungsstandort der Landwirtschaft in den Bergen

Gemeinsam können WIR diese Ziele erreichen!

Es gibt eine ganz besondere Art der Versuchung. Nur diejenigen kennen sie, die auf eine jahrhundertelange Geschichte von Erfolgen und Traditionen zurückblicken können. Die Versuchung besteht darin, sich auf der eigenen stolzen Geschichte auszuruhen.

Liebe Südtiroler Bäuerinnen, liebe Südtiroler Bauern, wir haben eine solche Geschichte. Wir haben unser Land geformt und die Menschen, die es bewohnen, mit den hochwertigen Produkten unserer Arbeit ernährt. Wir haben uns technische Innovationen zu eigen gemacht und haben uns mit Erfindungsgabe und Weitsicht an neue Bedingungen angepasst.

Die Umweltbedingungen, die unsere Arbeit mitbestimmen, unterliegen auch heute wieder einem Wandel. Der Wandel ist dieses Mal aber tiefgreifender und menschengemacht.

Wenn wir unsere bäuerlichen Familienbetriebe und die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, erhalten wollen, müssen wir diesem Wan- del Rechnung tragen. Aber: Wir wollen nicht nur auf Veränderungen reagieren, sondern bewusst in Aktion treten und die Veränderung selbst mit- bestimmen. Das tun wir, indem wir uns konkrete Ziele setzen und Visionen für die Zukunft entwickeln. Dazu brauchen wir den Konsens zwischen Konsumenten und Produzenten und ein wert- schätzendes Verständnis der Gesellschaft gegen- über der Landwirtschaft. In Zeiten des Wandels ist es entscheidend, dass wir zusammenstehen und einander nicht alleinlassen. Eine gemein- same Strategie haben. Eine Basis, auf der wir gemeinsam Verantwortung übernehmen und zugleich unsere Stärke, die kleinstrukturierten Familienbetriebe, nutzen und erhalten. Das vorliegende Strategiepapier ist aus diesem Geist heraus entstanden. Diese Broschüre enthält konkrete Handlungsanleitungen und Perspektiven für die nächsten zehn Jahre. Daran wollen wir uns orientieren, wie an einem Weg- weiser. Die Strategie wurde zusammen mit Bäue- rinnen und Bauern und mit ihren Vertretungen in zahlreichen Dialogen und Gesprächen entwickelt. Für unser Land, für unsere Betriebe und auch für unsere Enkelkinder.

 

Arnold Schuler 
Landesrat für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Tourismus und Bevölkerungsschutz

Nicht nur in Südtirol, auch auf der ganzen Welt suchen Menschen nach Wegen, um die großen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen wir stehen. Denn die Gewohnheiten und Technologien, die unsere Alltagsabläufe schneller, bequemer und sicherer gemacht haben, sowie die Intensivierung der Landwirtschaft, die für Lebensmittelsicherheit gesorgt hat, verursachen die Klimaerwärmung mit und beeinflussen die Artenvielfalt. 
Beide Faktoren – Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt – bedrohen langfristig auch unseren Lebensunterhalt. Wenn wir nichts unternehmen, werden schon unsere Nachkommen die Folgen zu spüren bekommen.

Eines ist also sicher: Auch wir wollen etwas ändern. Aber wie?

Mit ihrer Agenda 2030 und den konkreten 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) haben die Vereinten Nationen aufgezeigt, in welche Richtung es gehen soll. Auf der Basis dieser Ziele haben Staaten und Regionen in den letzten Jahren ihre eigenen verpflichtenden Nachhaltigkeitsstrategien ausgearbeitet. Auch die Südtiroler Landesregierung arbeitet derzeit an einer Strategie für die Nachhaltigkeit.

Diese Vorgaben aufgreifend hat der Landes- rat ein eigenständiges Strategiepapier für die Zukunft der Landwirtschaft entwickelt, das auf die besonderen Eigenschaften und Voraussetzungen Südtirols zugeschnitten ist. Die Wald- und Forstwirtschaft als Wirtschaftssektor ist in dieses Papier nicht aufgenommen worden, da der Fokus auf der Landwirtschaft liegt. Diese Strategie ist kein Beschluss von oben, sondern wurde in einer engen Zusammenarbeit zwischen Bäuerinnen und Bauern, deren Interessensvertretungen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Eurac, der Freien Universität Bozen und des Versuchszentrums Laimburg sowie der Landesregierung erarbeitet. Es zeigt Ziele und Wege auf, wie sich die Südtiroler Landwirtschaft bis 2030 entwickeln soll. Nachhaltigkeit betrifft in diesem Zusammen- hang nicht nur die Ökologie, sondern auch die Ökonomie und das Soziale. Für die Südtiroler Landwirtschaft bedeutet das: Neben Umwelt- und Klimaschutz sind auch ein gesichertes und gerechtes Einkommen der Landwirte und Landwirtinnen sowie der Erhalt der bäuerlichen Familienbetriebe unverzichtbar, um die Zukunft der Südtiroler Landwirtschaft sicherzustellen.

6 Handlungsfelder

Die Bereiche, in denen in den nächsten 10 Jahren ein Wandel erfolgen soll, um den Fortbestand der vielen Familienbetriebe zu sichern, umfassen sechs große Handlungsfelder:

  • Familienbetriebe & ländlicher Raum

  • Klima & CO2-Reduktion

  • Wasser & Boden

  • Artenvielfalt & Landschaft

  • Gesundheit & Genuss

  • Gesellschaft & Dialog

 

6 Leitziele

Die einzelnen Maßnahmen aus den verschiedenen Handlungsfeldern folgen sechs übergeordneten Leitzielen. Sie geben die Richtung vor, die wir als Südtiroler Landwirtschaft einschlagen wollen:

  • Unterstützung der bäuerlichen Familienbetriebe: damit das, was unserem Land ein Gesicht gibt, erhalten bleibt. Südtirol soll auch in Zukunft das Land der bäuerlichen Familienbetriebe sein.

  • Ökosystem und Klima im Gleichgewicht: damit wir in einem gesunden Umfeld leben und produzieren können. Südtirol soll auch in Zukunft das Land der Artenvielfalt, des sauberen Wassers und der fruchtbaren Böden sein.

  • Stärkung der Forschung: damit unser Handeln auf handfestem Wissen basiert. Südtirol soll zum Forschungsstandort der Landwirtschaft in den Bergen werden.

  • Neuausrichtung der Förderungen: damit das Geld zum Erreichen der Ziele eingesetzt wird. In den nächsten Jahren werden Förderungen vermehrt an Umweltleistungen gebunden.

  • Stärkung der Marke Südtirol: damit wir gemeinsam die Sympathiewerte des Landes nutzen und steigern können. Hochwertigen Produkten gehört die Zukunft – Südtirol soll das Land der Premiumprodukte sein.

  • Konsens mit der Gesellschaft: damit Erzeuger und Konsumenten gemeinsame Ziele verfolgen. Dazu ist ein Dialog auf Augenhöhe notwendig, ein Austausch bei gegenseitiger Wertschätzung.

 

3 Landwirtschaftssektoren

Uns verbinden dieselben Ziele, aber jeder Sektor braucht eigene Wege, um sie zu erreichen. Neben den drei großen Sektoren Milch, Äpfel und Wein gibt es viele andere landwirtschaftliche Produkte wie etwa Steinobst, Beeren, Getreide, Gemüse und Kräuter. Aber auch die Haltung von Kleintieren und die Imkerei bereichern die Vielfalt der Südtiroler Landwirtschaft. All diese Bereiche werden in Zukunft von noch größerer Bedeutung sein. Da sich vieles mit den großen Sektoren überschneidet, werden die Maßnahmen in jedem Handlungsfeld auf die folgenden drei großen Sektoren aufgeteilt:

BERGLANDWIRTSCHAFT

WEINWIRTSCHAFT

OBSTWIRTSCHAFT

Eine Bestandsaufnahme in Zahlen und Fakten

Wir als Landwirte und Landwirtinnen können alleine nicht die Welt retten. Aber gemeinsam und in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft können wir einen wichtigen Beitrag leisten. Doch wo genau stehen wir? Die Südtiroler Landwirtschaft nimmt in einigen Bereichen schon jetzt eine Vorbildfunktion ein. In anderen Bereichen wiederum gibt es noch einiges zu tun.

Familienbetriebe: Ein Südtiroler Weg mit Zukunft

96 % der Betriebe, die zwischen 2003 und 2013 in der EU verschwunden sind, verfügten über weniger als 10 Hektar: Der Trend geht europaweit hin zu immer größeren Betrieben.

Um 3 % stieg hingegen zwischen 2010 und 2016 die Zahl der Kleinbetriebe unter 5 Hektar in Südtirol.

  • Fazit: Die Kleinstrukturiertheit der bäuerlichen Familienbetriebe ist ein Erfolgsmodell, das die Welternährungsorganisation FAO der Vereinten Nationen als Lern- und Innovationsnetzwerk empfiehlt.

Lebensmittelimporte: Keine nachhaltige Lösung

70 % der Agrarimporte der EU stammen aus sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern mit nachteiligen Effekten auf Umwelt und lokale Entwicklungen.

Unter 80 % liegt der Selbstversorgungs- grad Italiens. Damit ist Italien, wie auch andere Länder Europas, bei Lebensmitteln ein Nettoimportland.

  • Fazit: Es gilt, nachhaltige und effiziente Produktionsmethoden zu vereinen, da wir sonst auf Lebensmittelimporte aus Nicht- EU-Ländern angewiesen sind, die oft eine viel schlechtere Öko-Bilanz aufweisen, und wir dadurch auch die Ressourcen anderer Länder beanspruchen.

Lebensmittelverschwendung: Mehr Wertschätzung ist nötig

Rund 800 Millionen Menschen leiden noch immer an Hunger und Mangelernährung.

Etwa 94 Kilogramm genießbare Lebens- mittel werden jährlich pro Südtiroler Haushalt weggeworfen.

  • Fazit: Während noch immer in Teilen der Welt Menschen hungern, hat in der westlichen Welt die Wertschätzung von Lebensmitteln kontinuierlich abgenommen. Sie sollte durch geeignete Kampagnen und Maßnahmen erhöht werden.
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