Ausweisung von Ensembles

Ausweisung von Ensembles

Laut Raumordnungsgesetz ist der Ensembleschutz auf Gemeindeebene angesiedelt. Es ist daher Aufgabe jeder Gemeinde, den Ensembleschutz in ihrem Gebiet umzusetzen.
Der vom Land eingesetzte Sachverständigenbeirat für Ensembleschutz hat beratende Funktion. Er unterstützt die Gemeinden in fachlichen Fragen, die Ausweisung der Ensembles ist aber Gemeindekompetenz. Die Verantwortung für den Erhalt der kulturellen Identität und lokalen Eigenart liegt daher vor allem bei den Gemeinden. Das Raumordnungsgesetz verpflichtet sie, ein Verzeichnis der schutzwürdigen Liegenschaften samt entsprechender Erhaltungsmaßnahmen zu erstellen und diese Ensembles durch die Eintragung in den Bauleitplan der Gemeinde rechtswirksam zu schützen.

Unter Wahrung der Gemeindeautonomie hat die Landesregierung keine Vorschriften festgelegt, wie die Vorschläge erarbeitet werden. Es liegt folglich im Ermessen jeder einzelnen Gemeinde, das Verfahren zur Erstellung der Verzeichnisse festzulegen.

Für die Ausweisung als Ensemble müssen mindestens zwei der zehn von der Landesregierung erlassenen Kriterien (Beschluss Nr. 1340/2004), veröffentlicht im Amtsblatt der Region vom 18. Mai 2004 Nr. 20) auf ein potentielles Ensemble zutreffen.

Die 10 Ausweisungskritierien:

  1. historischer Wert,
  2. malerischer Charakter,
  3. Monumentalität der Bauten zu einander und zur Landschaft,
  4. stilistische Kennzeichnung (Stileinheit oder bewusste Vermischung verschiedener Stile),
  5. Erscheinung (Erkennbarkeit, Aufflligkeit, Orientierungspunkt),
  6. Panorama (geziehlte Fernblicke, perspektivische Asichten und Aussicht),
  7. kollektives Gedächtnis,
  8. Fortbestand der urbanistischen Anlage (Erkennbarkeit einer Planung, eines Programms oder einer Gründungsaktes, welche die Siedlungsmorphologie bestimmt haben),
  9. Fortbestand der Bautypologie,
  10. natürliche Merkmale, Geomorphologie und natürlichen Charakter.

Schritte zur Ausweisung von Ensembles

Schritt 1: Bestimmung potentieller Ensembles

Ensembles sind Gesamtanlagen mit besonderer geschichtlicher, kultureller oder ästhetischer Bedeutung, die den Charakter, das Selbstverständnis und die Identität eines Ortes maßgeblich bestimmen und dem Ort eine herausragende Wertigkeit geben. Bei der Bestimmung potentieller Ensembles können viele Aspekte eine Rolle spielen, es ist aber wichtig, sich die zehn von der Landesregierung erlassenen Kriterien für die Bestimmung und Ausweisung vor Augen zu halten.

Schritt 2: Beschreibung der besonderen Wertigkeit und Bedeutung des potentiellen Ensembles

Ist ein potentielles Ensemble einmal identifiziert, gilt es, die besondere Wertigkeit und Bedeutung des Ensembles für den Ort zu dokumentieren und - soweit möglich - auch durch eine Analyse zu belegen. Diese Dokumentation ist für die weitere Vorgehensweise hilfreich und ermöglicht es, die spätere Ausweisung des Ensembles rechtfertigen zu können.

Schritt 3: Bestimmung der auf das potentielle Ensemble zutreffenden Ausweisungskriterien

Der zentrale Schritt bei der Bestimmung möglicher Ensembles ist die Definition von mindestens zwei Ausweisungskriterien aus einer insgesamt zehn Kriterien umfassenden, von der Landesregierung vorgegebenen Liste. Durch die Bestimmung der zutreffenden Ausweisungskriterien wird dem Ensemble eine besondere Wert gerade im Hinblick auf diese Kriterien gegeben. Diesen Wert gilt es dann in einem nächsten Schritt durch die Ausformulierung spezifischer Erhaltungsvorschriften, aber letztendlich auch bei der späteren Begutachtung eventueller Umbauprojekte, zu erhalten. Daher ist der Auswahl der Ausweisungskriterien große Aufmerksamkeit zu schenken.

Schritt 4: Dokumentation und Analyse des Ensembles in seiner Gesamtheit und in seinen den Wert bestimmenden Einzelteilen

Das Ensemble ist nun kurz in seinen Elementen zu analysieren und zu dokumentieren.
Folgende Fragen sollten dabei geklärt werden:

  • Welche Elemente sind, vor allem in Bezug auf die gewählten Ausweisungskriterien, besonders wertvoll?
  • Welche Gebäudeteile sind unbedingt zu erhalten, welche hingegen sind nur von zweitrangiger Bedeutung?
  • Welche (Umbau-)Arbeiten können durchgeführt werden, ohne den Gesamtcharakter des Ensembles zu beeinträchtigen?
  • Wo und wie könnte im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten der Bestand erweitert werden, ohne das Ensemble allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen?
  • Wie muss in einem solchen Fall weitergebaut werden und wie lassen sich solche Vorschriften formalisieren?

Schritt 5: Räumliche (grafische) Abgrenzung des Ensembles

Sind die wesentlichen, das Ensemble bestimmenden Elemente einmal erfasst, muss das Ensemble nun auf einem Plan in geeignetem Maßstab grafisch abgegrenzt werden. Diese Abgrenzung wird dann auch in den Bauleitplan übertragen. Eingriffe innerhalb des gekennzeichneten Bereichs unterliegen zukünftig den Bestimmungen zum Erhalt des Ensembles.

Schritt 6: Erstellung der detaillierten Erhaltungsmaßnahmen bzw. Normen für das Ensemble

Ensembleschutz ohne genaue Angabe der Erhaltungsvorschriften, also ohne genaue Definition, was man verändern darf bzw. was man erhalten muss, ist eine leere Hülse. Die grafische Abgrenzung allein sagt noch nichts zum Schutz des Ensembles aus. Es gibt keine „generellen“ Schutzbestimmungen für alle Ensembles zusammen. Für jedes Ensemble muss einzeln festgelegt werden, was verändert werden darf und was nicht. Das ist ein großer Vorteil. Durch maßgeschneiderte Regeln werden gezielt jene Elemente und Merkmale geschützt, die wertvoll sind, während man bei weniger wichtigen Teilen oder Merkmalen eine Änderung erlauben kann, wenn diese die Identität des Ensembles nicht nachhaltig verändert. Ensembleschutz soll nicht Stillstand bedeuten, sondern auch die Möglichkeit des Weiterbauens im Geist des Ortes beinhalten.
Bei der Ausweisung von Ensembles stellt die Ausformulierung der Normen sicher die größte Herausforderung dar. Nur gut durchdachte Erhaltungsmaßnahmen ermöglichen einerseits ein Anpassen der Bausubstanz an die Erfordernisse der Zeit und andererseits den Erhalt des Charakters und der Einzigartigkeit des Ortes.
Die Erarbeitung der Schutzvorschriften lässt sich am besten durch ein Beispiel veranschaulichen: Angenommen, man will einen historischen Straßenzug schützen, der durch eine lückenlose Reihe von massiven Baukörpern und durch einen Laubengang charakterisiert ist. Einzeln und für sich allein genommen, mag ein Haus zwar nicht wertvoll sein, als „Ensemble“ charakterisiert es aber den Ortsteil und verleiht ihm Identität. Ein Weiterbauen zu verbieten wäre hier genauso wenig sinnvoll, wie das Risiko einzugehen, durch ein mögliches Aufbrechen der Straßenfront das Charakteristikum des Ortes zu verlieren. Mögliche Ausweisungskriterien könnten für dieses Ensemble z. B. folgende Punkte aus der von der Landesregierung erlassenen Liste sein:

  • Fortbestand der urbanistischen Anlage;
  • Fortbestand der Bautypologie;
  • malerischer Charakter.

Durch die Bestimmung der Ausweisungskriterien wurden die zu erhaltenden Werte bereits implizit mitbestimmt. Es geht also um die Erhaltung des städtebaulichen Musters, in diesem Fall um die Erhaltung eines lückenlos geschlossenen Straßenzuges mit einheitlicher Baufluchtlinie und einem Laubengang im Erdgeschoss der Gebäude. Das Straßenbild und die Bautypologie der Gebäude ist weiters durch Lochfassaden, das Fehlen von Balkonen und eine einheitliche Trauflinie charakterisiert. Den malerischen Charakter bestimmen auch die schmiedeeisernen Hinweisschilder der Geschäfte und Lokale (und das Fehlen von Neonreklame) sowie die charakteristische Pflasterung der Strasse maßgeblich mit.

Die Normen bzw. Erhaltungsmaßnahmen für dieses Ensemble könnten daher wie folgt lauten:

  • Die geschlossene straßenseitige Verbauung ist zu erhalten. Durch Abriss und Wiederaufbau dürfen keine bleibenden Baulücken entstehen.
  • Die vorgegebene Baufluchtlinie ist zwingend einzuhalten.
  • Die straßenseitigen Laubengänge im Erdgeschoss stellen ein wichtiges Charakteristikum des Ensembles dar und müssen bei Umbauarbeiten bzw. Abriss und Wiederaufbau als solche erhalten bleiben bzw. wiedererrichtet werden.
  • Das Errichten von Balkonen ist untersagt.
  • Straßenseitige Fassaden sind zwingend als Lochfassaden auszubilden (keine Ganzglasfassaden etc…).
  • Die einheitliche Trauflinie des Straßenzuges muss auch bei Um- oder Neubauten eingehalten werden.
  • Die bestehenden schmiedeeisernen Hinweisschilder der Geschäfte und Lokale müssen erhalten bleiben. Neue Hinweisschilder sind dem Stil der bestehenden schmiedeeisernen Schilder anzupassen. Leuchtreklame ist verboten.
  • Die charakteristische Straßenpflasterung muss erhalten werden.

Sondermodell (geeignet für größere Städte):

Für größere Städte eignet sich auch ein weiteres Modell, das sich die Städte Bozen und Brixen zu Eigen gemacht haben:
Bei äußerst großen und vielschichtigen Ensembles (ganze Stadtteile) ist es manchmal nur sehr schwer möglich, alle Regeln und Normen detailliert und erschöpfend aufzulisten, die für den sicheren Schutz des Ensembles notwendig sind. Je genauer man versucht, nicht vollkommen homogene Ensembles zu normieren, desto schneller stößt man auf die Grenzen der Normierbarkeit, wenn man gleichzeitig eine Weiterentwicklung und ein Weiterbauen erlauben will.
Daher haben die Städte Bozen und Brixen einen eigenen Artikel in den normativen Teil ihres Ensembleschutzverzeichnisses eingefügt, der unter anderem auch die Einführung eines Ensembleschutzbeirates (bestehend aus Experten und Expertinnen der Fachbereiche Architektur, Raumordnung, Denkmalpflege und Landschaftsschutz) auf Gemeindeebene vorsieht. Die Ensembles werden beschrieben und eingehend normiert. Projekte, die mit den Normen des Ensembles konform sind, werden wie bisher von der Baukommission behandelt. Was aber ist mit einem Projekt, das zwar die Normen nicht ganz einhält, aber das Ensemble nicht nur nicht zerstört, sondern sogar aufwertet? Ein solches Projekt kann der Bauherr zusammen mit einer detaillierten architektonischen Analyse, die den Mehrwert des Projektes belegt, dem Ensembleschutzbeirat auf Gemeindeebene vorlegen. Dieser kann das Projekt mit Zweidrittelmehrheit gutheißen und damit für die Behandlung in der Baukommission freigeben.
Dieses Modell ist personell und organisatorisch aufwändig, ermöglicht aber auch in normativ nur schwer detailliert fassbaren Situationen ein qualitätsvolles Weiterbauen unter Bewahrung der Charakteristik der Ensembles.

Eintragung der Ensembles in den Bauleitplan

Schritt 7: Eintragung der Ensembles in den Bauleitplan

Ensembles werden im Bauleitplan unter besonderen Schutz gestellt.
Die Gemeinden erstellen ein Verzeichnis der Liegenschaften, die unter Ensembleschutz zu stellen sind und verabschieden die entsprechende Änderung des Bauleitplans im Sinne von Artikel 21 Absatz 1 des Landesgesetzes vom 11. August 1997, Nr. 13 (Landesraumordnungsgesetz, Änderungen des Bauleitplanes der Gemeinde). Ab Beschlussfassung gilt die Bausperre laut Artikel 74 Absatz 2 (Arbeiten, welche im Widerspruch zu den von der Gemeinde verabschiedeten Bestimmungen des Ensembleschutzplanes stehen, sind verboten).
Ab dem Zeitpunkt der Beschlussfassung durch die Gemeinde greifen alle Bestimmungen und Verfahrensregeln der gewöhnlichen Änderung des Bauleitplans; bei der Ausweisung der Ensembles bzw. im Falle von Änderungen am Bauleitplan, welche die unter Ensembleschutz stehenden Gesamtanlagen betreffen, muss jedoch ein Mitglied des Sachverständigenbeirates gemäß Artikel 2 Absatz 4 des Landesraumordnungsgesetzes zu den Sitzungen der Landesraumordnungskommission eingeladen werden (siehe: Artikel 25 [Ensembleschutz] Absatz 2 des Landesraumordnungsgesetzes).

Sonderbestimmung bei besonderer Dringlichkeit:

Im Falle besonderer Dringlichkeit kann der Gemeindeausschuss auf Antrag des Sachverständigenbeirates oder auch auf eigene Initiative hin die vorübergehende Unterschutzstellung bis zur Einleitung des Verfahrens gemäß Artikel 25 Absatz 3 beschließen (siehe: Artikel 25 Absatz 4 des Landesraumordnungsgesetzes).
In diesem Fall gilt ab Beschlussfassung für die Dauer von höchstens zwei Jahren die Bausperre laut Artikel 74 Absatz 2 (Arbeiten, welche im Widerspruch zu den von der Gemeinde verabschiedeten Bestimmungen des Ensembleschutzplanes stehen, sind verboten).