Rasen und Wiesen trocken-frisch (Beschreibung Lebensraum)

Azidophile Schneetälchen (Salicion herbaceae)

Pflanzensoziologie: Die verschiedenen Assoziationen der azidophilen Schneetälchen und lange schneebedeckten Hänge werden in den Verband Salicion herbaceae, den einzigen der Klasse Salicetea herbaceae, gestellt. Das Substrat reicht von silikatisch bis karbonatisch, vorausgesetzt, letzteres ist feucht-sauer.

Beschreibung

Dieser Lebensraum der alpinen und subnivalen Höhenstufe umfasst flache Bereiche und Mulden in denen sich der Schnee ablagert. Die Vegetation dieses Lebensraumes ist sehr niederwüchsig. Nicht nur die Leitart Salix herbacea (ein Gehölz, das sich lediglich durch wenige Blättchen an der Bodenoberfläche bemerkbar macht), sondern auch die wenigen weiteren Gefäßpflanzen, die hier vorkommen, sind an harsche Bedingungen gut angepasst, obwohl sie den Schutz einer langen Schneebedeckung genießen. Nimmt die Länge der Schneebedeckung zu, übernehmen die immer gegenwärtigen Moose die Dominanz.

Übereinstimmung mit anderen Klassifizierungssystemen

Natura 2000, Checkliste der Lebensräume Südtirols, Corine, EUNIS.

Verbreitung

Die Gesellschaften des Salicion herbaceae sind auf dem europäischen Festland hauptsächlich in der borealen Zone verbreitet, doch auch die Gipfel der Gebirgszüge gehören zu ihrem Verbreitungsareal. In Südtirol ist dieser Vegetationstyp sehr gut vertreten und kann auf silikatischem Moränenschutt sogar ausgedehnte Flächen einnehmen.

Ökologie

Ob sich diese Lebensgemeinschaften ausbilden oder nicht, hängt von der Dauer der Schneebedeckung ab. Falls sie länger als zehn Monate beträgt, überwiegen deutlich die Moose. Die Schuttschicht ist oft von dünnen, humusreichen Schichten aus Feinerde bedeckt und bleibt während der kurzen Vegetationsperiode durchgehend feucht. In steinigeren oder nassen Ausprägungen dominieren grasartige Pflanzen.

Typische Pflanzenarten

Typische Arten Artname Deutsch Dominante Arten Charakteristische   Arten Arten der Roten   Liste Südtirols Geschützte Arten (Naturschutzgesetz) Anmerkungen
Salix herbacea Kraut-Weide x        
Alchemilla pentaphyllea Schnee-Frauenmantel x x      
Gnaphalium supinum Zwerg-Ruhrkraut x x      
Soldanella pusilla Zwerg-Soldanelle x x      
Luzula alpinopilosa Braune Hainsimse x        
Sibbaldia procumbens Alpen-Gelbling x        
Cardamine alpina Alpen-Schaumkraut   x      
Carex foetida Stink-Segge   x EN    
Carex lachenalii Schneehuhn-Segge   x      
Ranunculus pygmaeus Zwerg-Hahnenfuß     VU    
Saxifraga seguieri Séguier-Steinbrech       x  

Oft kommt nur eine der Leitarten vor, die dann meist dominant ist.

Biologische Wertigkeit

Abgesehen vom Vorkommen einiger floristischer Raritäten sind diese Lebensräume von großem wissenschaftlichen Interesse, da sie sich gut zur Erforschung der Auswirkungen der Klimaveränderungen eignen.

Funktion des Lebensraumes

Auch die azidophilen Schneetälchen werden beweidet, vor allem durch Schafe und wilde Huftiere. Von den wenigen Fällen abgesehen, in denen sie als Tierläger genutzt werden (worauf z. B. Cirsium spinosissimum hindeutet), sind die Auswirkungen der Beweidung auf ihre floristische Zusammensetzung vernachlässigbar gering.

Unterscheidung von ähnlichen Lebensräumen

Diese Lebensgemeinschaften sind leicht zu erkennen und kaum mit anderen zu verwechseln. Schwieriger wird es, wenn es zu Verzahnungen mit den angrenzenden Krummseggenrasen oder mit der Pioniervegetation der Schutthalden kommt. Nicht selten sind in Mulden mit Humusanreicherung Übergänge zu den basiphilen Schneetälchen (Arabidion) zu beobachten. Nimmt der Feuchtigkeitsgehalt zu, kommt es zu Kontakten mit den sauren Niedermooren, allen voran mit den Kleinseggenrieden des Caricion fuscae.

Entwicklungstendenzen und Gefährdung

Ihrer natürlichen Dynamik folgend würden sich die Pflanzengemeinschaften der Schneetälchen zu zusammenhängenden, rasenartigen Beständen weiterentwickeln. Dem wird durch ständigen Schutteintrag Einhalt geboten, weil dadurch die Entwicklung zu reiferen Böden nicht stattfinden kann.

Pflege und Naturschutz

Im Allgemeinen handelt es sich um sehr naturnahe Lebensräume. Menschliche Eingriffe beschränken sich meistens auf die Umgestaltung der Hänge für wintersportliche Zwecke. Zu rechnen ist jedoch mit einer Bedrohung durch die Klimaveränderungen, die bereits durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt ist. Längeres Verweilen des Viehs auf der Weide ― die frischeren Bereiche werden vor allem von Schafen gerne besucht ― verschlechtert ihren biologischen Wert und fördert stickstoffliebende Arten oder triviale Gräser.

Lasen C., 2017 – Beschreibung der Lebensräume Südtirols. Autonome Provinz Bozen-Südtirol, Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung.

MM