Gedenkveranstaltung „Zukunft – Erinnerung“
Erbe ist Verantwortung für morgen

Früher Leid, heute Frieden, morgen Herausforderung: Bei der Veranstaltung „Zukunft-Erinnerung“ 100- 80 - 50 am Nachmittag des 5. September 2019 appellierten die Landeshauptleute Arno Kompatscher, Günther Platter und Maurizio Fugatti an eine Politik der Werte.

Was vor 100 Jahren mit Leid und Unrecht begann, ist heute ein Beispiel des Zusammenlebens und ein Auftrag, Politik mit Verantwortung für die Zukunft zu machen. Dies war der Grundtenor in den Reden der Landeshauptleute von Südtirol, Tirol und dem Trentino im Rahmen dieser Gedenkveranstaltung zum Tag der Autonomie 2019.

Mit dieser Veranstaltung erinnerte das Land Südtirol an drei historische Meilensteine, die Südtirols Schicksal wesentlich prägten: 1919 kam Südtirol durch den Vertrag von Saint Germain von Österreich zu Italien, 1939 mussten sich die Südtiroler im Zuge der Option fürs Dableiben oder Gehen entscheiden, 1969 wurde durch die Paketabstimmung der Weg geebnet, der schließlich 1972 zum Inkrafttreten des Zweiten Autonomiestatuts führte.

Poesie und Lyrik, vorgetragen in drei Sprachen von der Gadertaler Lyrikerin Roberta Dapunt, stellten den Startpunkt dar. Danach sprachen die Landeshauptleute der Euregio und schließlich erinnerten die Historiker Martha Stocker, Hans Heiss und Carlo Romeo der Schicksalsjahre 1919, 1939 e 1969 der Südtiroler (Autonomie) Geschichte mit einem berührenden und engagierten Vortrag.

„Unsere Geschichte ist nicht linear, sondern verläuft in Spiralen, in oft nicht voraussehbaren Rhythmen", umschrieb Historiker Hans Heiss Südtirols Geschichte. Gleichzeitig gelte es wachsam zu bleiben und Werte zu wahren, da diese keine Selbstläufer seien, sondern Früchte des täglichen Handelns.

Ein Mann, der all diese Daten "erlebt, erlitten und gestaltet" habe, sagte die Historikerin Martha Stocker, ist Silvius Magnago. Magnago gilt als Vater des Autonomiestatutes, der unter anderem in Alcide Berloffa und in Aldo Moro Ansprechpartner gefunden habe, die sich im Vertrauen zueinander auf Kompromisse eingelassen hätten. "Die Politik hat Lösungen durch Kompromiss erzielt, bei dem auf etwas verzichtet wurde, man jedoch gleichzeitig etwas Wichtiges erhalten habe: nämlich gegenseitiges Vertrauen", sagte Historiker Carlo Romeo.

Das Vertrauensverhältnis politischer Entscheidungsträger wie Magnago und Berloffa sei auch bei Giuseppe Saragat und Bruno Kreisky sowie Aldo Moro und Kurt Waldheim von Bedeutung gewesen: Das gegenseitige Vertrauen der Spitzenpolitiker Österreichs und Italiens sei eine wichtige Grundlage der erreichten Fortschritte.

Auch der Südtiroler Landeshauptmann betonte in seiner Ansprache den Mut zum Kompromiss, den viele Politiker an den Tag gelegt hätten. Gelungen sei der Weg zur heutigen Autonomie vor allem dank diesem. „Nicht bis zum bitteren Ende auf dem Recht bestehen, aber das Ziel und die Werte nicht aus den Augen verlieren: Das war die Grundlage ihrer Politik.“ Genau das müsse die Politik von heute als Erbe ansehen: „Autonomie bedeutet Verantwortung, denn wir dürfen und können gestalten!“ Deshalb wünscht sich Kompatscher für die Zukunft: „Wir müssen uns rückbesinnen auf die unantastbaren Werte unserer Vorgänger: Friede, Gleichheit, Gerechtigkeit verbunden mit Solidarität müssen Maßstab unseres politischen Handelns sein.“ Südtirol habe nicht nur das Zusammenleben dreier Sprachgruppen gelernt, sondern sogar, dass das auch ein Mehrwert ist. Gerade deshalb sprach sich Kompatscher für Zusammenhalt und gegen Abschottung aus: "Die Mottos 'America first', 'prima gli italiani', 'Österreich zuerst' oder wie sonst auch immer haben keinen Platz bei uns! Im Jahr 2019 stehen vor viel größeren Herausforderungen: Es gibt Menschen vieler Sprachen, die hier eine vorübergehende oder dauerhafte Heimat gefunden haben. Wir müssen den sozialen Zusammenhalt stärken und eine ökonomische Entwicklung auch vor dem Hintergrund der Ökologie meistern.“

"Hinter jeder Norm steckt eine Geschichte", hob später Historikerin Stocker hervor. Dies sei auch für die vielen Gestalter der Autonomie - Stocker nannte in diesem Zusammenhang die beiden anwesenden Altsenator Roland Riz und Altlandeshauptmann Luis Durnwalder - ein leitendes Motiv gewesen.

An diesem Nachmittag wurde jedoch nicht nur zurückgeschaut, sondern vielfach auch nach vorne. So rief Historiker Hans Heiss dazu auf, das Jahr 2019 als ein "Jahr der politischen Neunerprobe" wahrzunehmen, bei dem die politischen Entscheidungsträger, aber auch die Gesellschaft die schmalen Handlungsspielräume nutzen müsse, um eine nachhaltige Ordnung zu gestalten. Martha Stocker schloss sich dem an, indem sie Begeisterungsfähigkeit wünschte, mit dem man junge Menschen wieder für Autonomie, für Politik, für aktives Mitgestalten gewinnen könne. Auch für Carlo Romeo sei die Verantwortung vor allem den nächsten Generationen gegenüber nun wahrzunehmen.

Nach diesem bewegenden Vortrag folgte die Vorstellung der Publikation „Entstehung und Entwicklung der Südtirol-Autonomie“ des ehemaligen Spitzenbeamten Adolf Auckenthaler. Die Veranstaltung wurde dann mit einem Kurzfilm abgeschlossen, der Interviews mit den anwesenden Zeitzeugen Bruno Bertoldi, Überlebender des Massakers von Kefalonia, Robert Kaserer, Politiker, der bei der Abstimmung über das Paket im Meraner Kursaal dabei war, sowie Judith E. Innerhofer, der Enkelin Sepp Innerhofers, zeigte.

Mehr Infos: http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=629905

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