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Grundwissen Genossenschaften

Was ist eine Genossenschaft?

Eine Genossenschaft ist eine aus natürlichen oder juristischen Personen bestehende Gesellschaft, die auf Gegenseitigkeit ausgerichtet ist und das Ziel verfolgt, den eigenen Mitgliedern Güter, Dienstleistungen und Arbeitsmöglichkeiten zu vorteilhafteren Bedingungen als die auf dem Markt üblichen zu beschaffen. Diese Vorteile können unterschiedlicher Art sein und beispielsweise in einem höheren Verdienst oder dem Erwerb von Gütern zu niedrigeren Preisen bestehen. Im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformen ist das dadurch gebildete Vermögen größtenteils unteilbar, wird für die Investitionen der Genossenschaft verwendet und an neue Generationen von Genossenschaftsmitgliedern weitergegeben. Nicht die Gewinnmaximierung steht im Mittelpunkt, sondern die bestmögliche Abdeckung der Bedürfnisse der Mitglieder.

Eine Genossenschaft ist eine Gesellschaft in der die Mitglieder aktiv an unternehmerischen Entscheidungen beteiligt sind: alle Mitglieder haben gleich großen Einfluss auf die Entscheidungen des Unternehmens, weil es in einer Genossenschaft die Unterscheidung zwischen Inhaber und Angestellten nicht gibt. Auch bei den Verwaltern muss es sich mehrheitlich um Mitglieder der  Genossenschaft handeln.

Auf welchen Grundsätzen und Werten basiert eine Genossenschaft?

Das Genossenschaftswesen hat seine Wurzeln im Wert des geteilten Unternehmertums, es sucht seine Entwicklung im Markt und sieht seinen Zweck in der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der eigenen Mitglieder und der Gesellschaft im Allgemeinen. In einer Genossenschaft stehen Mensch vor Geld und Arbeit vor Kapital.

Eine Genossenschaft achtet die Grundsätze der Demokratie, Gleichbehandlung und Transparenz und verpflichtet sich zu deren Umsetzung mittels Verhaltensregeln, die für alle in der Genossenschaft tätigen Personen und insbesondere für ihre Verwalter bindend sind.

Den Grundsätzen und Werten, auf die sich die Genossenschaften stützen – Selbstständigkeit, Selbstverantwortung, Gleichberechtigung und Solidarität – wird eine so große Bedeutung beigemessen, dass sie durch die Verfassung geschützt und anerkannt werden. So heißt es im Artikel 45: “Die Republik erkennt die soziale Aufgabe des Genossenschaftswesens an, sofern es nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit und ohne Zwecke der Privatspekulation aufgebaut ist. Das Gesetz fördert und begünstigt mit den geeigneten Mitteln seine Entfaltung und sichert durch eine zweckdienliche Aufsicht seine Eigenart und  Zielsetzung”.

Die 9 Grundsätze einer Genossenschaft

  • Ein Kopf eine Stimme
    Die Genossenschaft ist die einzige Unternehmensform, die eine Konzentration des Gesellschaftseigentums in wenigen Händen nicht zulässt. Jedes Mitglied verfügt unabhängig von seinem Kapitalanteil über eine Stimme in der Vollversammlung.
  • Demokratische und aktive Verwaltung durch die Mitglieder 
    Die Genossenschaft wird von ihren Mitgliedern in demokratischer Form verwaltet. Eine Genossenschaft ist verpflichtet, die aktive Beteiligung aller Mitglieder an den Entscheidungsprozessen durch deren Einbeziehung in das Gesellschaftsleben zu fördern. Das Verwaltungsorgan muss sich mehrheitlich aus Genossenschaftsmitgliedern zusammensetzen.
  • Der Gegenseitigkeitscharakter (Mitgliederförderung)
    Das Hauptziel einer Genossenschaft ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die gegenseitige Unterstützung und Förderung der Mitglieder. Das bedeutet, dass für die Mitglieder der Genossenschaft bessere Bedingungen (Preis, Arbeitsentgelt usw.) geschaffen werden sollen, als sie jedes Mitglied für sich allein auf dem Markt erzielen könnte.
  • Der nicht spekulative Charakter
    Wenn eine Genossenschaft aufgelöst wird, dürfen die Mitglieder das Vermögen der Genossenschaft weder untereinander aufteilen noch die Genossenschaft als Ganzes verkaufen. Das Gesetz gewährt eine günstigere Besteuerung der Gewinne, vorausgesetzt, dass diese in die Entwicklung der Genossenschaft investiert werden.
  • Die offene Tür
    Die Genossenschaft ist eine offene Gesellschaftsform. Jeder, der den Grundsatz der Gegenseitigkeit teilt und in der Lage ist, zur Erreichung des Gesellschaftszwecks beizutragen, kann die Mitgliedschaft beantragen.
  • Die Solidarität zwischen den Generationen
    Eine Genossenschaft soll langfristig für die künftigen Generationen erhalten bleiben. Das Fortbestehen wird durch die Unteilbarkeit des Gesellschaftsvermögens und die Weitergabe der Erfahrungen und Führungsverantwortung von den älteren an die jüngeren Genossenschaftsmitglieder sichergestellt.
  • Unabhängigkeit und gegenseitige Unterstützung
    Jede Genossenschaft ist ein unabhängiges Unternehmen welches sich selbst verwaltet, auch wenn in der Regel die Zugehörigkeit zu einem Genossenschaftsverband angestrebt wird. Zwischen den Genossenschaften gibt es Formen der gegenseitigen Unterstützung, sowohl was ihre Entwicklung als auch ihre Behauptung auf dem Markt betrifft.
  • Der Förderauftrag nach außen
    Zu den zahlreichen Aufgaben der Genossenschaften gehört es auch, die Entstehung von neuen Genossenschaften durch direkte und indirekte Beihilfen zu fördern. Zu diesem Zweck zahlen alle Genossenschaften einen geringen Teil ihrer Jahresgewinne in eigene Fonds für die Förderung und Entwicklung des Genossenschaftswesens ein.
  • Soziale Verantwortung
    Das Genossenschaftswesen setzt sich für die Entwicklung der Einzelpersonen, der Familien, der sozialen Gruppierungen und der Gesellschaft als Ganzes ein. Der territoriale Charakter der Genossenschaft wertet die Qualitätspotenziale auf, die jede Gemeinschaft besitzt, und bietet geeignete Lösungen für dessen Bedürfnisse.

 

Warum und wann sollte die Genossenschaftsform gewählt werden?

Die Wahl der Genossenschaftsform macht es einfacher und weniger riskant, ein Unternehmen zu gründen und wirtschaftlich selbstständig zu werden. Durch die Gründung einer Genossenschaft können die unternehmerischen Vorstellungen mehrerer Personen gebündelt werden: ihre Ideen, Erfahrungen und Ressourcen werden zusammengelegt, um eine gemeinsame und somit effizientere Umsetzung des Vorhabens zu ermöglichen.
Die Genossenschaft kann diese allgemeine Zielsetzung, je nach Tätigkeitsbereich, mittels unterschiedlicher Ansätze verfolgen: 

  • Unterstützung der Mitglieder durch die Schaffung besserer Bedingungen (in Bezug auf Arbeitsmöglichkeiten und Verdienst), als sie die einzelnen Mitglieder auf dem Markt finden würden; 
  • Erwerb von Produkten zu niedrigeren Preisen oder Anlieferung der Produkte zu höheren Preisen, als sie auf dem Markt angeboten werden;
  • Verringerung der Betriebskosten des einzelnen Unternehmens und Steigerung der eigenen Kaufkraft sowie der Wettbewerbsfähigkeit durch die Gemeinschaftsinitiative.

Die Genossenschaft ermöglicht außerdem die Aufnahme einer unternehmerischen Tätigkeit ohne hohe Kapitalinvestitionen. Das Gesetz legt einen Mindestbetrag von 25 Euro als Kapitalanteil pro Mitglied fest.
Die Gesellschaftsanteile sind das einzige Risikokapital, für das die Mitglieder haften, da die Genossenschaften Gesellschaften mit beschränkter Haftung sind.

Genossenschaften mit vorwiegender Mitgliederförderung genießen darüber hinaus eine günstigere Steuerbehandlung.

Wie jede Gesellschaftsform, ist auch die Genossenschaft von bestimmten Eigenschaften, Vorteilen und Einschränkungen gekennzeichnet. Ob die Genossenschaftsform die geeignete Rechtsform für die geplante unternehmerische Initiative ist, ist aufgrund der auszuübenden Tätigkeit und der Zielsetzungen und Eigenschaften der Gesellschafter zu entscheiden. Die Wahl der passenden Rechtsform ist ein wichtiger Schritt für den Erfolg einer Initiative.

Welche Genossenschaftsformen gibt es?

Eine Genossenschaft kann praktisch jede unternehmerische Tätigkeit ausüben, wenngleich sie sich auf Grund ihrer Eigenschaften für bestimmte Tätigkeiten besonders gut eignet.

In der Folge werden die wichtigsten und häufigsten Tätigkeitsbereiche von Genossenschaften beschrieben.

  • Konsumgenossenschaften
    Zweck dieser Genossenschaften ist es, die Nachfrage nach Verbrauchsgütern und anderen Gütern zu befriedigen.
    Eine Konsumgenossenschaft ist bestrebt, die Spanne zwischen Verkaufspreisen und Einkaufspreisen gering zu halten und somit den Mitgliedern den Erwerb von Gütern zu niedrigeren Preisen als den üblichen Marktpreisen zu ermöglichen.
    Typische Beispiele für Konsumgenossenschaften sind die in Genossenschaftsform organisierten großen Handelsketten sowie die Genossenschaften für die Stromerzeugung und -versorgung.
  • Produktions- und Arbeitsgenossenschaften
    Die Mitglieder dieser Genossenschaften sind gleichzeitig Unternehmer und Arbeitnehmer des Unternehmens. Die Mitglieder teilen die Arbeit untereinander auf und organisieren ihre Tätigkeit selbst.
    Diese Genossenschaftsform ist vor allem im Bereich des Handwerks und im Dienstleistungssektor verbreitet. Sie wird gegründet, um für die Mitglieder in qualitativer und wirtschaftlicher Hinsicht bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, als sie auf dem Arbeitsmarkt üblich sind.
  • Dienstleistungsgenossenschaften
    Gemeinsames Merkmal aller Dienstleistungsgenossenschaften ist die Ausübung einer Tätigkeit in gemeinschaftlicher Form, um die daraus resultierenden Vorteile zu nutzen. Es handelt sich um eine sehr vielschichtige Gruppe von Genossenschaften, die in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sind.
  • Wohnbaugenossenschaften
    Ihr Zweck ist der Bau und die Verteilung von Wohnungen an die Mitglieder zum Selbstkostenpreis, indem der Unternehmergewinn entfällt und alle vorgesehenen Begünstigungen genutzt werden.
    Sie befriedigen den Wohnbedarf der Menschen, da sie Wohngebäude errichten, die anschließend den Mitgliedern zugewiesen werden: ins Eigentum, wenn es sich um eine Genossenschaft mit „geteiltem Eigentum“ handelt, oder zur Nutzung, wenn es sich um eine Genossenschaft mit „ungeteiltem Eigentum“ handelt.
    Die Mindestzahl der Mitglieder einer Wohnbaugenossenschaft beträgt in Südtirol neun Personen.
  • Sozialgenossenschaften
    Zweck der Sozialgenossenschaften ist das allgemeine gesellschaftliche Interesse an der Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen und der sozialen Integration. Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Sozialgenossenschaften:
    • Sozialgenossenschaften, die soziale, gesundheits- und erziehungsbezogene Dienstleistungen anbieten (sog. Sozialgenossenschaften vom Typ A);
    • Sozialgenossenschaften, die verschiedene Tätigkeiten ausüben (in Landwirtschaft, Industrie, Handel und Dienstleistungssektor) zum Zwecke der Arbeitseingliederung von sozial benachteiligten Personen, deren Anteil mindestens 30% der Arbeitnehmer der Genossenschaft entsprechen muss (sog. Sozialgenossenschaften vom Typ B).
  • Landwirtschaftliche Anlieferungs- und Zuchtgenossenschaft
    Sie werden von Landwirten gegründet und kümmern sich um die Verarbeitung und Vermarktung der von den Mitgliedern angelieferten landwirtschaftlichen Erzeugnisse.
    Typische Beispiele für diese Genossenschaftsform sind Obstgenossenschaften,  Sennereigenossenschaften und Kellereigenossenschaften.
  • Genossenschaftskonsortien
    Sie bestehen aus Genossenschaften und anderen Unternehmen, die eine gemeinsame Organisationsstruktur errichten und ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten gemeinsam ausüben.
  • Raiffeisenkassen  (Kreditgenossenschaften)
    Ziel dieser Genossenschaften ist es, die wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Mitglieder zu verbessern, indem sie die Ersparnisbildung fördern und vor allem lokalen Kleinunternehmern Kredite gewähren. Die Raiffeisenkassen sind Banken in Genossenschaftsform, die tief mit dem Gebiet verwurzelt sind und eine breite Mitgliederbasis haben. Die Mitglieder sind in der Regel in einer bestimmten Gemeinde oder in angrenzenden Gemeinden ansässig und die Kredite werden hauptsächlich einheimischen Betrieben gewährt. Laut Gesetz sind die Raiffeisenkassen verpflichtet, das Kreditgeschäft vorwiegend zugunsten der Mitglieder zu betreiben.
     
    Garantiegenossenschaften
    Sie werden normalerweise von Unternehmern eines bestimmten Wirtschaftszweiges oder auf Initiative eines Verbandes gegründet, um den Betrieben durch die gesamtschuldnerische Leistung von Garantien den Zugang zu Krediten und anderen Finanzierungsformen zu erleichtern.