Archivale des Monats

April 1857 – Die Pocken grassieren in Bozen

Archiv des Kofler’schen Kindergartens in Bozen, Nr. 195

Die Pocken (oder Blattern) waren eine schwere und hochansteckende Infektionskrankheit, die vermutlich bereits im Alten Testament erwähnt wurde und deren Krankheitsverlauf auch aus altgriechischen und römischen Quellen bekannt ist. Hohes Fieber, Übelkeit sowie Kopf- und Gliederschmerzen waren erste Symptome nach erfolgter Infizierung, daraufhin bildeten sich im Gesicht und am Oberkörper rasch große, mit Flüssigkeit, später mit Eiter gefüllte und sehr schmerzhafte Pusteln, die so zahlreich auftraten, dass die betroffene Person fast unkenntlich wurde und oft weder sprechen noch sehen konnte. Je nach Krankheitsstamm belief sich die Sterblichkeit der Erkrankten auf 30 bis 40 Prozent, die sogenannten Schwarzen Blattern, die starke Blutungen Pusteln und Haut verursachten, endeten sogar nahezu immer tödlich. Wer die Krankheit überlebte, war für den Rest seines Lebens von Pockennarben entstellt, in schweren Fällen führte die Krankheit auch zu Lähmungen, Blindheit oder Taubheit.
Im Laufe des Mittelalters erfasste die Seuche immer weitere Landstriche Europas, um 1500 war sie so gut wie allgegenwärtig. Besonders das 18. Jahrhundert ging als das Jahrhundert der Pocken in die Geschichte ein, wobei alle sozialen Schichten betroffen waren, am 10. Mai 1774 etwa erlag König Ludwig XV. von Frankreich der Krankheit.
So verwundert es nicht, wenn gerade gegen diese Seuche das erste Impfverfahren entwickelt wurde. Lady Mary Montagu, die Frau des englischen Gesandten an der Hohen Pforte, propagierte die im frühen 18. Jahrhundert in Istanbul praktizierte „Pockeneinpfropfung“ (Variolation), bei der eine kleine Menge an Krankheitserregern in die Haut der zu Impfenden eingeritzt wurde. Diese Methode wurde in der Folgezeit in England erfolgreich praktiziert, setzte sich aber sowohl auf der Insel als auch auf dem Kontinent kaum durch, da sie sehr kostspielig und nicht ganz ungefährlich war. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der englische Landarzt Edward Jenner die Impfung mit Kuhpocken (Vakzination), die weit weniger gefährlich als die Variolation war. Trotz mancher Vorbehalte wurde diese Form der Immunisierung von vielen Staaten gutgeheißen, bereits im frühen 19. Jahrhundert wurden ausgedehnte Impfkampagnen – auch mit staatlichem Impfzwang – gestartet. Die Ergebnisse waren ermutigend, denn die Zahl der Epidemien und damit auch die Zahl der Toten sank erheblich. Doch aufgrund der hohen Impfkosten, weitverbreiteter Vorbehalte in der Bevölkerung und der Nachlässigkeit der Behörden beim Impfen brachen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder verheerende Pockenepidemien aus, eine besonders schwere Welle etwa erfasste 1871–1873 Deutschland und kostete Tausenden Menschen das Leben.
Im April 1857 gab es auch in Bozen einige Fälle einer Pockeninfektion, von der naturgemäß besonders (nicht geimpfte) Kinder betroffen waren und die bereits erste Todesopfer gefordert hatte. Um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern, ordnete der Bürgermeister Josef Kapeller am 17. April 1857 die sofortige Schließung der Kleinkinderbewahranstalt bzw. des Koflerschen Kindergartens, des 1847 gegründeten ersten Kindergartens von Bozen, an. Erst am 12. Juni 1857 durfte der Kindergarten mit Erlaubnis von Stadtmagistrat und Bürgermeister wieder öffnen. Der Besuch des Kindergartens war aber von nun an nur noch jenen Kindern gestattet, die ein Kuhpocken-Impfzeugnis vorweisen konnten.
Im 20. Jahrhundert spielten die Pocken in Europa dank konsequenter Impfungen kaum noch eine Rolle, in Folge einer weltweiten Impfkampagne konnten sie auch in anderen Kontinenten eingedämmt werden – 1980 schließlich die WHO konnte die völlige Ausrottung der Pocken verkünden.

ep

PT

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