Umgang mit Naturgefahren

Die Natur zeigt in den Südtiroler Bergen nicht immer ihr schönstes Gesicht. Vor allem nach extremen Wetterereignissen können Bäche über die Ufer treten, Hänge ins Rutschen geraten, Muren oder Lawinen abgehen. Der Landesagentur für Bevölkerungsschutz ist die Aufgabe übertragen worden, die Bevölkerung vor den Folgen solcher Naturereignisse zu schützen.

An diese verantwortungsvolle Aufgabe geht die Agentur mit Hilfe eines integralen Ansatzes des Risikomanagements. Dieser Ansatz fußt auf dem Grundsatz, dass ein effizienter Schutz von Menschen und Gütern nur dann möglich ist, wenn alle betroffenen Bereiche bestmöglich zusammenspielen:

  • Vorsorge (Raum- und Gefahrenzonenplanung, Objektschutz, Sensibilisierung)
  • Schutz (auch mit Hilfe von Schutzbauten)
  • Vorbereitung (Vorhersage, Warnung, Notfallplanung, Eigenverantwortung)
  • Wiederaufbau / Maßnahmen nach einem Ereignis

Will man das von Naturgefahren ausgehende Risiko also wirksam minimieren (und darauf kommt es an, denn einen absoluten Schutz wird es nie geben), sind alle Maßnahmen in allen Bereichen gleich wichtig und wertvoll. Die Vernachlässigung eines Bereichs zugunsten eines anderen ist in diesem Modell nicht zulässig.

Einzugsgebietspläne und Flussraummanagement

Flüsse und Bäche und deren Einzugsgebiete sind nicht nur sensible Ökosysteme, sondern – gerade in einem Gebirgsland wie Südtirol – auch intensiv genutzte Landschaften. Schließlich haben sich Siedlungen meist in der Nähe von Flüssen und Bächen entwickelt, die wegen des steigenden Raumbedarfs begradigt und eingegrenzt wurden. Die Raumnutzung stand dabei im Vordergrund, Ökologie spielte lange Zeit eine untergeordnete Rolle – mit entsprechenden Folgen.

Um ein integrales Risikomanagments zu gewährleisten, hat sich das Land Südtirol zum Ziel gesetzt, Raumnutzung, Wassernutzung, Ökologie und Hochwasserschutz unter einen Hut zu bringen. Als Instrument dienen Einzugsgebiets- und Flussraummanagementpläne, bei deren Erstellung zuallererst der Ist-Zustand aller genannten Aspekte (Raumnutzung, Wassernutzung, Naturgefahren, Ökologie) untersucht wird. Darauf aufbauend wird ein interdisziplinäres Leitbild für die Entwicklung des Einzugsgebietes ausgearbeitet. Aus diesem geht schließlich ein Katalog hervor, in dem Maßnahmen, Verantwortlichkeiten und Prioritäten festgelegt werden.

Viel Wert wird darauf gelegt, die Bevölkerung und verschiedenen Interessensgruppen von Anfang an in Analyse, Planung und Umsetzung einzubinden, um eine möglichst breite Akzeptanz für die Einzugsgebietspläne zu erreichen. Diese Partizipation, Information und Sensibilisierung wird vor allem über Steuerungsgruppen und Flussraumforen garantiert. So sind auch die Erfahrungen mit Einzugsgebiets- und Flussraummanagementplänen überaus positiv. Sie gelten als wirksames Instrument für die Raumplanung, aber auch für die Planung von Schutzbauten, Renaturierungen und landschaftsökologischen Aufwertungen.

Gefahrenzonenplanung

In Südtirol ist das Angebot an bebaubaren Flächen klein, das natürliche Risiko aufgrund der Lage im Gebirge aber beträchtlich. Beide Faktoren zusammengenommen bedingen eine überaus vor- und umsichtige Raumplanung, nicht zuletzt mit Blick auf die hydrogeologischen Gefahren für Menschen, Gebäude und die Infrastruktur. Das Instrument, das diese vor- und umsichtige Raumplanung sichert, sind die Gefahrenzonenpläne, die die Gemeinden für ihr Gebiet ausarbeiten müssen. Die Gefahrenzonenpläne rangieren noch über den Gemeindebauleitplänen, was bedeutet, dass sich letztere an ersteren orientieren müssen.

Bei der Erarbeitung der Gefahrenzonenpläne wird das Gemeindegebiet auf

  • Wassergefahren
  • Massenbewegungen (Rutschungen, Bergstürze) und
  • Lawinengefahren

hin untersucht. Je nach Gefahr werden die Zonen den verschiedenen Gefahrenstufen zugewiesen, in denen wiederum unterschiedliche Grenzen und Beschränkungen für die Bautätigkeit und generell für die Ausweisung von bebaubaren Zonen gelten.

Gibt es für eine Gemeinde noch keinen gültigen Gefahrenzonenplan, heißt dies nicht, dass es mit Blick auf die hydrogeologischen Risiken keinerlei Beschränkungen gebe. Vielmehr müssen dann im Einzelfall – also bei Nutzungsänderungen oder Baugenehmigungen – Gefahrenprüfungen durchgeführt werden, die mit jenen in der Gefahrenzonenplanung vergleichbar sind.

Gefahrenzonenpläne sind demnach ein grundlegendes Instrument einer umsichtigen Raumplanung, sie dienen der Landesagentur für Bevölkerungsschutz aber auch als Grundlage für die Planung konkreter Schutzmaßnahmen.

Schutzbauten

Wenn es um den Schutz von Menschenleben, von Infrastruktur und Vermögenswerten geht, kann man der Natur nicht gänzlich die Regie überlassen. In vielen Fällen sind Gewässer und Hänge mit technischen Hilfsmitteln und Schutzbauten zu versehen, damit man die Schäden, die Unwetter anrichten, minimieren kann. Auch diese Aufgabe hat in Südtirol die Landesagentur für Bevölkerungsschutz übernommen. Ihr obliegen alle Verbauungs- und Instandhaltungsmaßnahmen an Gewässern und Hängen.

Unabhängig davon, ob für die Sicherung eines Bach- oder Flusslaufes nun auf Querwerke oder Sohlschwellen, auf Auffangbecken, Ausweitungen des Bachbettes oder Renaturierungen gesetzt wird, gelten doch immer übergeordnete Regeln. So müssen Eingriffe an Bächen und Flüssen

  • für einen möglichst schadlosen Wasserabfluss bei Hochwasser sorgen,
  • den natürlichen Gewässerlauf möglichst erhalten oder wiederherstellen,
  • den Austausch zwischen Oberflächen- und Grundwasser gewährleisten
  • eine standortgerechte Ufervegetation und Fauna fördern,
  • fischgerecht sein und
  • Verrohrungen und Abdeckungen von Fließgewässern vermeiden.

Alle Arbeiten an Bächen, Flüssen und Hängen führt die Landesagentur für Bevölkerungsschutz übrigens selbst, also in Eigenregie, durch. Kompetenz und Erfahrung der Mitarbeiter sichern so einen qualitativ hochwertigen, landschaftlich verträglichen Schutz vor Gefahren, die mit Hochwasser, Muren, Rutschungen, Steinschlag oder Lawinen einhergehen.

Notfallplanung

Trotz aller Vorsorge und Schutzmaßnahmen wird es eine hundertprozentige Sicherheit vor Naturgefahren nie geben. Deshalb ist der Ansatz der Landesagentur für Bevölkerungsschutz ein doppelter: zum einen tut man alles, um den Notfall im Zuge eines Naturereignisses zu verhindern, zum anderen plant man auf solch einen Notfall hin. Denn eines ist grundlegend: die größten Gefahren liegen darin, dass man sich von einem Naturereignis überraschen lässt und nicht weiß, wie man darauf reagieren soll.

Eine effiziente Notfallplanung gehört deshalb zu den Standbeinen der Landesagentur für Bevölkerungsschutz. Diese Planung beginnt bei einem ständigen Monitoring aller Gefahrenquellen in Südtirol. Die Daten von Wetterstationen, Pegelmessstellen in Bächen und Seen sowie der Schneemessfelder werden von den Experten des Landes ausgewertet, ihre Berichte laufen im Landeswarnzentrum zusammen.

Sollte dort eine Gefahr festgestellt werden, werden alle beteiligten Behörden, Institutionen und Organisationen (und gegebenenfalls auch die Bevölkerung) gewarnt, damit sie sich auf einen eventuellen Einsatz vorbereiten können. Für die Einsätze liegen wiederum detaillierte Pläne und Ablaufdiagramme vor, damit im Ernstfall jeder weiß, was er zu tun hat, wie die Kommunikation sichergestellt wird und wie die Befehlskette aussieht. So gibt es Zivilschutzpläne auf Landes- und Gemeindeebene und für den Hochwasserschutz etwa auch eigene Pläne für den Hochwasserdienst und Notfallpläne der Stauanlagen.

All diese Pläne greifen im Übrigen auf den von der Landesagentur für Bevölkerungsschutz zur Verfügung gestellten „Zivilschutzbrowser“ zu. Dieses Webinstrument stellt zahllose wichtige georeferenzierte Informationen über Südtirol bereit: von den Hausnummern und der Anzahl der Bewohner einzelner Gebäude über risikorelevante Einrichtungen (etwa Stauseen) bis hin zu Einsatzzonen, Krankenhäusern, Straßen, Bauleit- und Gefahrenzonenplänen. So stehen allen Beteiligten stets alle für eine umfassende Planung notwendigen Daten einfach und unkompliziert zur Verfügung.

Nur mit Hilfe einer umfassenden Notfallplanung und regelmäßigen Übungen (einmal jährlich findet etwa eine große Hochwasserübung statt) ist ein effizientes und koordiniertes Vorgehen aller Einsatzkräfte möglich und der Schutz der Bevölkerung bzw. deren Rettung im Ernstfall zu gewährleisten.

Bewusstseinsbildung

Die Bevölkerung trägt die Landesagentur für Bevölkerungsschutz nicht nur im Namen, deren Einbindung in alle Schutzmaßnahmen ist auch eine der Leitlinien in der Arbeit der Agentur. Dahinter steckt wiederum die Erkenntnis, dass Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ihre volle Wirkung nur entfalten können, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihren Sinn verstehen und auch selbst wissen, wie sie sich vor Naturgefahren schützen können bzw. welche Grundüberlegungen hinter den einzelnen Schutzmaßnahmen stecken.

Mit der Arbeit im Rahmen der Bewusstseinsbildung verfolgt die Landesagentur für Bevölkerungsschutz demnach zwei Ziele:

  • die Stärkung der Eigenverantwortung der Bevölkerung
  • die Sensibilisierung für Naturgefahren und Schutzmaßnahmen

In allen Initiativen, Veranstaltungen und öffentlichkeitswirksamen Projekten geht es also darum, die Südtirolerinnen und Südtiroler davon zu überzeugen, dass nur ein umsichtiger Umgang mit der uns umgebenden Natur und Landschaft eine Entwicklung von Leben, Wohnen und Wirtschaften in Sicherheit ermöglicht. Allen Planungsprozessen geht eine umfangreiche Informationsarbeit der Agentur voran, in Veranstaltungen vor Ort werden Ausgangssituation und Ziele erläutert, gemeinsam werden Maßnahmen erarbeitet. So wird nicht nur das Wissen vor Ort genutzt, sondern zudem eine stärkere Identifikation mit den zu setzenden Maßnahmen erreicht.